"Die Bildung zu[r Humanität] ist ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muß,
oder wir sinken, höhere und niedere Stände, zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück." (J.G. Herder)
Der Mensch als Seiendes hat existentielle Angst vor dem Nichts, vor dem ontologischen Nicht-Sein der Existenz. Aber auch vor einem intellektuellen Nichts des Wissens, also der Unerklärbarkeit von Seiendem. Gefasst ist diese Angst in dem dramatischen Begriff des „Horror vacui“ – der Abscheu vor dem Leeren:
In der frühen Anschauung der Natur zeigte sich diese Abscheu darin, dass die unsere Erde umgebenden Leuchtkörper auf Sphären festgemacht gedacht wurde – eben Firmament: Befestigungsmittel –, weil nicht Nichts sein durfte.
In der frühen Erklärung unserer Lebensumwelt zeigte sich das Horror vacui in den vielen Schöpfungsmythen von Welten, Menschen und Göttern, also den Kosmogonien und Theogonien, um die Angst vor dem Unerklärbaren durch Welterklärungserzählungen verständlich zu machen.
In der intellektuellen Spekulation über so genannte Heilige Texte – also der Exegese –, zeigte sich die Angst vor dem Unwissen in einer überbordenden Auslegungswut der Interpreten, die beispielsweise zu wissen vorgaben, wie viele Handbreit Jona vom Schiff weg ins Meer geworfen worden sei und wie der Fisch heiße, der ihn verschluckt habe.
Und noch lange nach der wissenschaftlichen Revolution im 16. Jahrhundert wurde der Raum zwischen den Planeten mit einer Art Äther gefüllt, durch welches sich das Licht ausbreite, weil die Angst des Menschen vor dem Nichts so tief sitzt, dass auch die Wissenschaft Probleme hatte diese zu überwinden.
In der modernen Wissenschaft stellt sich die Frage nach dem Nichts nicht mehr in dieser quälenden existentiellen Form, denn seit den Relativitätstheorien ist klar, dass Materie den Raum und die Zeit als kohärentes 4-dimensionales Kontinuum erst aufspannt. Darüber hinaus ist eben Nichts: kein bloß luftleerer Raum, sondern das radikale und Furcht einflößende Nichts – aber eben erklärbarer!
In meiner persönlichen Vita zeigt sich die Angst vor dem Nichts im steten Bemühen besser zu werden, mich weiter zu entwickeln – eben die Anlagen des Menschseins und des Menschwerdens zu entfalten. Bedauerlicher Weise kippt dieses Bemühen häufig in ein rastloses und obsessives Gehetztsein, mit einer Spur Hysterie, dass ich nur dann ein anerkanntes Mitglied des Clubs „Menschheit“ sein könne, wenn ich den entschwindenden Horizont des Wissbaren doch einhole. Und dieser aufwühlende und nur in die Ferne blickende Zustand lässt mich meine Gegenwart vergessen.
So war es auch, als ich, um meinem Selbstbild als Akademiker zu genügen, gegen Ende des Studiums noch einen Lateinkurs belegen musste: Als ich die Prüfung bestanden hatte, war da kein Augenblick der Erfüllung, kein Moment des Ausgefülltseins zu spüren; nicht für den Bruchteil eines Wimpernschlages… lediglich der Gedanke, dass ich nun noch Altgriechisch und Sanskrit lerne müsse.
Denn dieses brennende und alles verzehrende Vakuum in meiner Brust saugt alles in sich auf und lässt mich unbefriedigt und ängstlich immer weiter hetzen, gönnt mir keine Ruhe – denn es könnte ja sein, dass ich aufwache und nicht mehr Mensch bin.