Posts mit dem Label Sprache werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Sprache werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

1. Dezember 2013

Von der Originalität

Vorstellungen der Romantik positionierten den genialen Dichter noch als Seher in die Nähe göttlicher Offenbarungen. Doch die Dekonstruktion der dichterischen Schöpfungen zeigte, dass es keine wirkliche Originalität im Sinne eines ursprungslosen Textes geben kann!

Doch beginnen wir von vorne: Als Text soll hier mehr verstanden werden als bloß ein aus Wörtern zu Phrasen zu Sätzen kombiniertes und selektiertes Schriftstück, sondern kulturelle Ausdrücke in einem weiten Sinne: Bauwerke, Kunststücke, Theaterinszenierung, Galadinner, Gerichtsverhandlungen, Gottesdienste undundund. [1]


Ein Text ist eine in bestimmten Zeichen fixierte Organisationsform, die gewissen Merkmalen folgen muss, um als Text einer Kultur gelten und als solcher erkennbar sein zu können: 1) Strukturiertheit, 2) Abgegrenztheit und 3) Ausdrücklichkeit.


1) Ein Text kann als strukturiertes Ganzes betrachtet werden, der syntagmatischen Kombinations- und paradigmatischen Selektionsregeln folgt. Diese speisen sich aus der textexternen Umwelt des Textes. Dabei sind bspw. die syntagmatischen Kombinationsmöglichkeiten von Wörten in einem deutschen Satz an den Variantionsrahmen von Subjekt – Prädikat – Objekt weitgehend gebunden. Welche Wörter für die jeweiligen Satzteile paradigmatisch zur Selektion verfügbar sind, ist an das spezifische Repertoire des Gesamtwortschatzes und an die Vorlieben der Sprechenden gebunden.


2) Ein Text weist Zeichen der Grenze zu seinem textexternen Umfeld auf, die seine Abgegrenztheit anzeigen, sodass wir ihn erst als Text wahrnehmen und verstehen können. Diese Zeichen der Grenze sind bspw. die Kapitelüberschrift eines Romans, der Rahmen eines Bildes, die Rampe im Theater oder die Mauern eines Gefängnisses. [2]


3) Ein Text ist die konkrete Realisierung seines textexternen Umfeldes, dessen Ausdruck er als eine Teilmenge ist. Gemäß der de Saussureschen Unterscheidung, befindet sich der Text stets auf der parole-Seite, also auf der Rede- und Aussageseite, sodass er damit ansich als ein Signifikant der Kultur einzustufen ist.

Durch diese Merkmale hat der Text als solcher, als eine strukturierte, abgegrenzte und ausdrückliche Teilmenge seines textexternen Umfeldes – über die textinternen Bezüge hinausgehend –, eine einheitliche und übergeordnete Bedeutung: bspw. als Gebet, Roman, Bild, Theaterstück, Gebäudekomplex, Stadtviertel undundund. Dabei werden die Codes, die sowohl den textinternen wie -externen Bezügen als Signifikant-Signifikat-Komposita eine Bedeutung verleihen, aus dem textexternen Umfeld geschöpft.


Ein Text jedoch – als Signifikant einer Kultur und damit spezifischer Ausdruck kultureller Bedeutung –, ganz im Gegensatz zum Werk, ist niemals endgültig oder abgeschlossen. Denn er kann ganz einfach weitergeschrieben oder – etwas anspruchsvoller – übersetzt werden: in eine andere Sprache oder von Wort in Schrift in Bild in Architektur in Bühnenperformance in undundund. Oder der Text kann in Einzelteile zerlegt und auf neue Weise mit seinen eigenen oder mit Teilen anderer Texte – visuelle Teiltexte mit akustischen bspw. – als Collage wieder zusammengesetzt werden.


Auch seine Bedeutung ist nicht abschließbar, denn die Codes seiner internen Signifikant-Signifikat-Komposita können sich ändern oder können im freien Spiel der Signifikanten variiert werden. Aber auch seine einheitliche Bedeutung als Ganzes ist niemals abgeschlossen. Denn allein durch die Möglichkeiten des Weiterschreibens und Übersetzens und Zerlegens und Rekombinierens ist der Textsinn niemals abgeschlossen, sondern immer nur aufgeschoben. [3]

„Das Werk ruht in der Hand, der Text ruht in der Sprache.“

(Barthes 2005:42)

Mit diesem weiten kulturellen Textverständnis und seiner Nichtabschließbarkeit können wir uns nun angemessen dem Phänomen der Originalität widmen. Denn wie einleitend angedeutet wurde, gibt es nach dekonstruktivistischer Ansicht keine wirklich originellen Texte: Sie sind lediglich der Resonanzraum, in dem viele andere und verschiedene Texte widerhallen – aufgrund der vielfältigen, eben genannten Möglichkeiten. [4]


Texte sind gesponnen aus Zitaten und verwoben mit Verweisen nicht mehr oder kaum noch aufspürbarer und damit regelrecht anonymer Texte aus den unterschiedlichsten Bereichen der Kultur. Diese kommunizieren jedoch auf einzigartige Weise mit einander. So ist diese spezielle Kombinatorik des neuen Textes als Echokammer der Alten einmalig und der neue Text eine irreduzible Pluralität.


„Heute wissen wir, dass ein Text nicht aus einer Reihe von Wörtern besteht, (…) sondern aus einem vieldimensionalen Raum, in dem sich verschiedene Schreibweisen, von denen keine einzige originell ist, vereinigen und bekämpfen. Der Text ist ein Gewebe von Zitaten aus unzähligen Stätten der Kultur.“

(Barthes 2012:190)

Vergleichen lässt sich die Einmaligkeit eines Textes aufgrund seiner einzigartigen Kombinatorik anhand eines Naturerlebnisses während des Wanderns bspw. von einem schneebedeckten Berg ins wiesenbegrünte Tal, entlang eines gestrüppbewachsenen Baches, in dem sich die Sonne zur Mittagszeit spiegelt. Die einzelnen Elemente sowie deren Bedeutung entstammen bekannter Codes, doch ihre jeweilige Kombinatorik ist einzigartige.


Sowie das grüne Wadi Qadisha im schneebedeckten Libanon am östlichen Mittelmeer die Realisierung einer einzigartige Kombinatorik ist, so sind neue Texte die einmalige Kombination vieler, verschiedener Texte aus den unterschiedlichsten Bereichen der Kultur, die dort ihren Widerhall finden und konsonieren.


„Wie die ewigen, ebenso erhabenen wie komischen Abschreiber Bouvard und Pécuchet, (…) kann der Schreiber nur eine immer schon geschehene, niemals originelle Geste nachahmen. Seine einzige Macht besteht darin, die Schriften zu vermischen und sie miteinander zu konfrontieren, ohne sich jemals auf eine einzelne von ihnen zu stützen.“

(Barthes 2012:190)

Derart lassen sich neue Texte graduell daran messen, inwieweit und inwiefern sich alte Texte darin aufspüren lassen. Schwingen sie so zahlreich, vielschichtig und bruchlos miteinander, dass ihnen nicht mehr oder kaum noch nachzuspüren ist, dann können wir von einem recht originellen – wenn auch nicht ursprunglosen – Text sprechen.

------------------------
1 Das Nachfolgende zu den Merkmalen des Textbegriffs nach Lotman 2005.

2 Dabei ist zu beachten, dass der Text nie abgeschlossen ist und „weitergeschrieben“ oder „übersetzt“ werden kann, wie sich bspw. bei postdramatischen Inszenierungen zeigt,  bei denen keine Rampe existiert und die Zuschauer damit in das szenische Geschehen mit hineingezogen werden sollen. Dadurch erlischt jedoch die Grenze nicht, sondern verändert lediglich ihren Verlauf.

3 Die beiden vorangegangenen Absätze zur Unabgeschlossenheit des Textes nach Barthes 2005:42; Derrida 2004; Bhabha 2000:317-352.

4 Das Nachfolgende über Originalität nach Barthes 2005, 2012.

4. Dezember 2011

Von der deutschen Sprache

In einer kaum vorstellbaren Anstrengung wurde das Deutsche als Kultursprache in einem utopischen Entwurf binnen weniger Jahrzehnte von einer handvoll Dichter geschaffen. Diese Dichter säkularisierten die sprachlichen und intellektuellen Errungenschaften aus dem Bereich der Religion, indem sie sie in den der Kunst, der Wissenschaft, des Theaters, der Philosophie und Geschichte übersetzen.

Das neue Deutsch war nicht in erster Linie und nicht unmittelbar philosophisch. Sondern es war die Sprache Minna von Barnhelms, wenn sie, zwar mit und für die Vernunft, jedoch aus einem Gefühl heraus sprechend versucht, Tellheims Ehrbegriff zu überwinden.

Ohne dass es ein politisches Zentrum gegeben hätte, erneuerte sich das Deutsche zwischen 1760 und 1830 in den sprachlichen Entwürfen der staatsfernen Dichter Lessings, Gottscheds, Schlegels, Goethes, Schillers und Jean Pauls – und war gegründet auf Empfindsamkeit. Die Literatur selbst und die Universitäten wurden zum Zentrum des Deutschen.

Ein Kontinent der deutschen Sprache entstand, ganz einfach, weil es tatsächlich dem Wunsch vieler Europäer entsprach, sich auf der Kultursprache Deutsch auszutauschen. Es war eine Sprachökumene, über die man sich zutiefst wundern kann, wenn wir den Schleicher der Immunisierung ablegen, den uns die Gewohnheit aufgezogen haben.

(Steinfeld 2010:51-66; 91-98)

Diese Ökumene erreichte ihre größte Ausdehnung in der Mitte des 19. Jahrhundert, noch vor der Entstehung des Nationalstaates aus dem schieren Willen, sich auf Deutsch verständigen zu wollen. Bereits 1767, als Lessings Minna erschien, „gab es zwischen Hamburg und Wien, zwischen Zürich und Königsberg wenige Orte, an denen man nicht fast jedes Wort verstanden hätte“. (Steinfeld 2010:92)

Dass diese Ökumene immer weiter schrumpft, liegt womöglich an der Strahlkraft des Englischen überhaupt und dessen Koinesierung in der Wissenschaft. Doch auch und vor allem daran, dass von politischer Seite immer wieder versucht wird normierend in die Sprache – in diesen lebenden Organismus – künstlich einzugreifen.

Die deutsche Sprache ins Grundgesetz aufnehmen? Wie soll das aussehen? Wie soll das funktionieren? Und was ist mit unseren vielen wunderbaren Dialekten, welche die regionalen Besonderheiten im Denken der Menschen viel besser Abbilden, als eine Hochsprache?

Sprachen leben davon, dass sie flexibel sind und sich wandeln können – im dialogischen Prozess mit gesellschaftspolitischen und kulturellen Veränderung. Normieren wir die Sprache, dann wird sie starr, sperrig und hölzern und irgendwann schafft sie es nicht mehr die Wirklichkeit zu fassen und stirbt.

Entreißt die Sprache den Politikern!! Unsere Dichter und Denker sind es, die es mit ihrer kreativen und innovativen Kraft schaffen, den Zeitgeist in immer wieder neue Worte zu kleiden und in sprachlichen Gemälden zu porträtieren.

Entreißt den Politikern die Sprache!!

13. September 2011

Vom Glück des Nicht-Verstehens

In meiner langen Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Kommunikation, einmal in meiner Magisterarbeit, dann als Zugang zum Phänomen der Religion überhaupt und weiter als Methode meiner Dissertation über Religionswandel, war ich bis noch vor zwei Stunden hin und her gerissen zwischen der naiven Verwunderung, wie wir es überhaupt schaffen, dass wir uns verstehen und der skeptischen Abscheu, dass gegenseitiges Verständnis im Sinne einer vollkommenen Kommunikation nie zustande kommen kann.

Die idealtypischen, klassischen Modelle – das ist seit langem klar – bilden nicht die intersubjektive Realität der Kommunikation ab. Doch ist mir heute etwas Neues aufgegangen: Eine idealtypische Kommunikation, die eine möglichst hohe Identität des Systems voraussetzt – also: Sender und Empfänger verwenden dieselben Zeichensysteme und Codes – führt im kommunikativen Austausch zu einem Informationsgehalt mit dem Wert Null.

Das liegt daran, dass sich die sprachlichen Räume der Kommunikationspartner vollkommen deckten und diese sich in ihrer geschichtlichen Entwicklung absolut gleichen. Somit kann die Eine nichts sagen, was der Andere nicht schon wüsste.

Dies ist eine idealtypische Konstruktion, die intersubjektiv nicht anzutreffen ist. Denn erstmal ist der innere Dialog mit dem alter Ego schon ein Zwiegespräch unterschiedlicher sprachlicher Systeme und daher ein Übersetzungsprozess der Bedeutung generiert und weiter entbehrt diese Konstruktion jeglicher geschichtlichen Entwicklung.

Was jedoch den Informationsgehalt eines Gespräches erhöht, sind die Übermittlungsprozesse aus den nicht identischen Bereichen der Kommunikationspartner! Und tatsächlich ist in der menschlichen Kommunikation und in der Funktion von Sprache die Annahme von Nicht-Identität zwischen Sender und Empfänger angelegt.

Jedoch wird aber die teilweise Überschneidung sprachlicher Räume angenommen, denn diese sich überschneidenden Räume des Sender und des Empfängers stehen in einem ganz besonderen Spannungsverhältnis zu einander:

Einerseits soll das Verstehen zwar erleichtert werden, was zu einer Vergrößerung der gemeinsamen Schnittmenge drängt. Andererseits jedoch soll der Informationsgehalt des Austauschs ebenfalls erhöht werden, was zur Vergrößerung der Differenz der sprachlichen Räume führt:

„Sprachliche Kommunikation stellt sich uns dar als spannungsgeladene Überschneidung adäquater und inadäquater sprachlicher Akte. Zudem ist das Nicht-Verstehen (…) ein ebenso wertvoller semantischer Mechanismus wie das Verstehen.“ (Lotman 2010:13f.)

Denn in der Überführung, wörtlich: Übersetzung, von Informationen aus nicht sprachlich identischen Bereichen des Kommunikationspartners in den eigenen sprachlichen Raum, wird enormes kreatives Potential frei, das zu Innovationen führen kann.

Würden wir uns vollkommen verstehen, dann hätten wir uns erstens nichts mehr zu sagen und es gäbe zweitens keine kulturelle Entwicklung mehr.

8. Januar 2010

Von der Macht der Sprache

In der Bahn rief mir ein Anhänger der „Ultras Frankfurt“ einen Leitgedanken des Humanismus ins Gedächtnis: Die alleinige Auseinandersetzung mit den klassischen Sprachen habe einen humanisierenden Effekt auf den Adepten, der ihn zivilisiere.

Der telefonierende Fußballfan kam gerade aus Hannover von der Beisetzung Robert Enkes und konnte seiner Gesprächspartnerin lediglich mitteilen, dass dieses Erlebnis „heftig“ gewesen sei. Kein anderes Adjektiv kam über seine Lippen, dass seine Gefühlswelt näher hätte qualifiziert können!

Zwar vermochte er mittels Intonation, Repositionierung und Doppelung des Wortes „heftig“ gewisse Gefühlsnuancen zu unterscheiden, welche die Mitglieder seiner „Peergroupe“ mit hoher Wahrscheinlichkeit decodieren können. Doch wirkte er mit sich und seiner Gefühlswelt alleine und irgendwie hilflos, weil er sich nicht mitteilen konnte.


Und steckt nicht gerade in diesem sich Mitteilen, dem Hervorbringen seiner Innenwelt in Sprache, das Durchbrechen der Subjektivität zu einer Intersubjetivität - einer Vorform und die einzige uns zugängliche Art der Realität?


Unausgesprochen vermag die Sprache zuerst die Amorphität unserer äußeren und inneren Lebenswelt – so auch der Gefühle – zu kategorisieren und systematisieren, indem sie ihr Form verleiht, wodurch sie letztendlich be-greifbar wird. Und ausgesprochen wird das Gefühl Teil der materiellen Welt und kann mitgeteilt und somit mit anderen geteilt werden.


Ist es also nicht die Sprache, die durch ihre materialisierende und realisierende Macht unsere Lebenswelt erst hervorbringt und wirklich werden lässt?