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11. April 2013

Vom Kunstwerk als anti-systemischer Kraft

Systeme sind weniger Komplex als ihre Umwelt, von der sie sich abgrenzen. Dadurch wirken sie komplexitätsreduzierend: das Maß an Kontingenz wird reduziert auf einen für den Menschen fassbaren Grad, sodass ein System orientierend wirkt und dem Menschen eine Richtung geben kann. Dies gelingt, indem ein System Deutungsmuster bereitstellt, mittels dessen sich der Mensch seine Alltagswelt erklärbar machen kann. Das System Religion vollbringt dies auf seine, das System Wissenschaft wie das der Kunst auf je andere Art und Weise. (Luhmann 2009)

Die Kunst, um die es uns hier geht, ist nicht das System „Kunst“, bestehend aus den Kommunikationen der Künstlerinnen, Kunsthändlerinnen, Museumskuratorinnen, Kunsthochschullehrerinnen, kunstinteressierten Laien usw. usf., sondern es geht uns um das Wirken der Kunst: das Kunstwerk.


Selbstredend kann ein Kunstwerk viele Funktionen haben und ich gehe nicht von einem Wesen der Kunst oder eines Kunstwerkes aus. Doch eine deutliche Häufung – jedenfalls was die Funktionen anbelangt – liegt wie folgt: Das Kunstwerk soll durch Irritation Fragen aufwerfen, ohne Antworten vorweg zu nehmen. (FAS 5/13)


Das Kunstwerk aus dieser Perspektive ist eine Bruchstelle im Kontinuum der Alltagswelt, die auf eigentümliche Weise unverständlich ist und uns aus dem konstanten Strom direkter, konkreter Erfahrung herausreißt. Sie reißt uns heraus, da plötzlich das Deutungssystem unserer Alltagswelt als Erklärungsmodell versagt. Wir können auf einmal nicht mehr unser routinemäßiges Rezeptwissen des Alltags, das wir automatisiert verwenden, anwenden, um diesen Bruch zu verstehen. Unsere Sprache hält dann nicht – oder nicht sofort – die passenden sprachlichen Vorfabrikationen bereit, um die subjektive Bruchstellenerfahrung zu objektivieren und somit Konsistenz mit der Alltagswelt herzustellen. (Berger/Luckmann 2007:44ff.)


Das Kunstwerk als Bruchstelle birgt folglich die Potenz der Irritation und trägt somit das Samenkorn der Reflexion, weil es Fragen aufwirft und zum Nachdenken zwingt, da alte Deutungsmuster nicht mehr zur Erklärung herangezogen werden können. Und weiter fordert das Kunstwerk zum Umdenken auf, weil es keine Antworten vorwegnimmt.


Wenn also Systeme durch Kontingenzreduktion orientierend wirken, dann hat das Kunstwerk eine dezidiert anti-systemische Kraft, einen anti-systemischen Mechanismus, der Kontingenz erhöht, weil er den Menschen kurzfristig desorientiert, da gängige Deutungsmuster in Zweifel gezogen und die semantischen Bezugsregeln rekonfiguriert werden müssen.


Die Rekonfiguration von Zeichen- und Deutungssystemen sind Ausdruck gesellschaftlichen Wandels und stehen oft zu Beginn weiterer kultureller Entwicklungen. Damit ist der anti-systemische Mechanismus des Kunstwerks ein wesentliches Moment individueller wie gesamtgesellschaftlicher Reflexion und Innovation.


Daher erfüllen Künstlerinnen eine gesellschaftlich unermessliche Aufgabe. Und es muss unser erklärtes Ziel sein, den Kunstnachwuchs zu fördern und Künstlerinnen zu unterstützen sowie Freiräume zu ihrer kreativen Entfaltung bereit zu stellen.

3. September 2010

Von der Konstruktion von Wirklichkeiten

"Ich sehe was, was Du nicht siehst!" Dieses bezaubernde Kinderspiel, das die meisten von uns in ihrer Kindheit gespielt haben, erhält im Hinblick auf aktuelle Forschungsfragen einen ambivalenten Beigeschmack: Fakt, Wahrheit, Realität und die gesamte Vielfalt der mit ihnen verwandten Worte sind Begriffe, die seit Jahrzehnten ihre fundamentale Bedeutung in der wissenschaftlichen Beschreibung unserer Lebenswelt verloren haben! Warum?

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, angestoßen durch die Quantenmechanik in der Beschreibung der Doppelnatur des Lichts und die Entdeckung des Planckschen Wirkungsquantum, wurde deutlich, dass sich am Fundament unserer Welt nichts Stabiles und Stetes, sondern nur Wahrscheinliches und Unstetes befindet, das sich nicht mit Sicherheit und diskreten Begriffen beschreiben lässt.

Doch hier befinden wir uns ja in der subatomaren Ebene, die mit unserer konkreten Lebenswelt nichts zu tun hat – mag da einer sagen. Dann überspringen wir ein paar Ebenen mit ihren emergenten Eigenschaften und wenden uns dem Menschen und seiner direkten Lebenswelt zu:

Aus systemtheoretischer und kybernetischer Sicht wird deutlich, dass ein System immer weniger komplex ist als seine Umwelt: Der Staat ist weniger Komplex als die Vereinten Nationen, die Institution Kirche weniger als der Staat und so weiter.
Durch seine geringere Komplexität kann das System Mensch nicht für jedes Element in seiner Umwelt einen Anknüpfungspunkt entwickeln, da er sich sonst nicht von seiner Umwelt unterscheiden würde und sich in ihr auflösen müsste:

Eine Zelle grenzt sich durch ihre Membran von ihrer Umwelt ab, um ihren Organellen einen selbst reproduzierenden Prozess zu gewährleisten. Durch die hoch spezialisierte Zellmembran werden nur ganz bestimmte Stoffe in genauen Dosen hindurch gelassen, um den internen Prozess zu unterstützen. Gäbe es keine Zellmembran, dann würde sich die Zelle in seiner Umwelt auflösen; gibt es aber eine, dann muss das weniger komplexe System sich spezialisieren. (Vgl. Luhmann 2009:121f.; Maturana [u.a.] 2009:31ff.; Fischer 2006:197f.)

Aus diesem Grund muss das kognitive System Mensch Informationen aus seiner Umwelt bündeln, was heißt, dass es ein und dieselbe Stelle an seiner Systemgrenze für unterschiedliche Reize verwenden muss, die es folglich nicht differenzieren kann. Die fehlenden Informationen, also diejenigen, welche die Systemgrenze Mensch aufgrund der notwendigen kognitiven Spezialisierung nicht durchdringen konnten, werden auf verschiedenen Prozessebenen innerhalb des Gehirns in rekursiver Art errechnet und interpretiert – also konstruiert:

Sinneswahrnehmungen "sind alle 'blind', was die Qualität ihrer Stimuli angeht, und reagieren nur auf Quantität. (...) 'da draußen' gibt es nämlich in der Tat weder Licht noch Farben, sondern lediglich elektromagnetische Wellen; 'da draußen' gibt es weder Klänge noch Musik, sondern lediglich Druckwellen der Luft; 'da draußen' gibt es keine Wärme und keine Kälte, sondern nur bewegte Moleküle mit größerer oder geringerer durchschnittlicher kinetischer Energie usw. Und schließlich gibt es 'da draußen' sicherlich keinen Schmerz." (Foerster 1993:31)

Unsere Lebenswelt verliert also bereits auf dem Weg durch unsere beschränkten kognitiven Kanäle ein gravierendes Maß an Information, die unser Gehirn konfabulieren muss; und zwar so authentisch, dass wir gar nicht bemerken, dass wir nicht sehen, was wir nicht sehen.

Damit aber nicht genug! Nun gehen wir als Forscher in eine Welt, die wir nur rudimentär und hochgerechnet wahrnehmen, und wollen Menschen, Gesellschaften, Ökosysteme beschreiben:

Um aber überhaupt etwas "sehen" zu können, brauchen wir Hypothesen, die wir an die Welt richten. Aus diesen Hypothesen leiten wir – wenn sie sich durch Induktion und Deduktion und im wissenschaftlichen Diskurs bewährt haben – Paradigmen ab, die wir als Schablone an die Welt anlegen und wiederum bewirken, dass wir nur das "sehen", was wir mit diesem Paradigma "sehen" können. Dies wird daran deutlich, dass wissenschaftliche Revolutionen oft mit Paradigmenwechseln Hand in Hand gehen, die die gesamte Wahrnehmung der Forscher verändert und gleichsam unseren Ausschnitt von der "Wirklichkeit". (Kuhn 1973)

Nachdem nun also eine bloß hochgerechnete Welt in unseren Kopf, unsere lediglich konstruierte Hypothese auf die Welt und deren Reflektion auf unsere Notizblöcke gelangt ist, sitzen wir an unseren Schreibtischen und werten unser Material aus; ein Material, das häufig von unseren sogenannten Informanten stammt und somit eine Beobachtung zweiter oder n-ter Beobachtung ist, die wir wiederum nach unseren Mustern ordnen, interpretieren und deuten. Dadurch entsteht eine recht fiktive Geschichte, durch die wir eine "fremde Welt" quasi erfinden. (Geertz 1999:22f.)

"Das Problem liegt darin, (...) daß der Beobachter nicht sieht, daß er nicht sieht, was er nicht sieht." (Foerster 1993:19)

2. April 2010

Von der Kultur als emergente Eigenschaft

Ich hatte die Tage einen dieser seltenen und erinnerungswürdigen Momente, in denen das Einbrechen von Verstehen plötzlich heitere Klarheit schafft. Wenn man lange über einem Problem grübelt und zu keinem Schluss kommt, es in den Hintergrund tritt, unterbewusst aber weiter arbeitet und Tage oder Wochen später sich mit einem Paukenschlag die Spannung und mit ihr auch das Problem löst.

Allein für einen einzigen solcher Momente lohnt sich lebenslanges forschendes Suchen!

Woraus entstand das Problem? Nun, die lebende Welt ist hierarchisch aufgebaut und der Komplexitätsgrad lebender Systeme steigt von Stufe zu Stufe. Auf jeder neuen Komplexitätsstufe treten Eigenschaften auf, die auf der nächst weniger komplexen Stufe noch nicht sichtbar, nur angelegt und nicht vorhersagbar waren. Erst auf einem höheren Komplexitätsgrad verwirklichen sich diese Anlagen und treten als so genannte „emergente Eigenschaften“ auf. (Fischer 2005:216ff. Blogeintrag Von der Tiefenökologie)

Die emergente Eigenschaft einer Zelle ist das Leben selbst; die emergente Eigenschaft des Gehirns ist Geist. Damit ist der Mensch von seiner kleinsten selbstorganisierenden Einheit bis zu seiner komplexesten eingerahmt. Doch müssen wir feststellen, dass Systeme in Systemen nisten und mit dem komplexesten, was die Natur hervorgebracht hat, eben dem Gehirn, nicht Schluss ist: die Zelle nistet im Organ, das Organ im Menschen, der Mensch in der Gesellschaft, die Gesellschaft im Ökosystem.

Was war nun das Problem? Wenn das Gehirn das komplexeste System ist und die emergente Eigenschaft des Gehirns Geist ist, was ist dann die emergente Eigenschaft der Gesellschaft?

Die Antwort scheint auf den ersten Blick simpel: Kultur! Doch so schlicht wie schön diese Antwort im ersten Moment auch sein mag, sie ist trügerisch. Denn wir dürfen die emergente Eigenschaft Kultur – wie alle anderen emergenten Eigenschaften – nicht als festen, statischen und monolithischen Block sehen. Kultur ist keine gegebene Größe mit festen Bedeutungen – auch wenn es uns oberflächlich so erscheinen mag. Kultur ist etwas Fluides und im steten Wandel Begriffenes. Es ist kein abstraktes Konzept in den Köpfen ihrer Partizipienten, sondern wird in den Akten der interpersonellen und systemischen Kommunikation geschaffen und stetig verändert. Kultur ist das sicht stets verändernde Produkt selbstorganisierender Prozesse des lebenden Systems Gesellschaft.
„Traditions are like building sites, under constant construction or reconstruction, whether the individuals and groups who participate in those traditions realize this or not.“ (Burke 2009:103)

Als Beispiel dienen hierfür zwei Wörterbücher aus unterschiedlichen Epochen: Die Wörterbücher für sich genommen und die jeweiligen Bedeutungen der einzelnen Wörter scheinen fest und starr zu sein, keinerlei Wandlungsprozessen unterworfen. Doch stellt man dann gleiche Worte unterschiedlicher Epochen nebeneinander, sieht man häufig Bedeutungsverschiebungen, die im Laufe der Zeiten unvermeidbar auftreten: Beispielsweise dekontextualisieren jugendliche Subkulturen einzelne Worte der Hochsprache und geben ihnen einen neuen Bedeutungshorizont, wie „geil“ oder „heftig“. (Blogeintrag Von der Macht der Sprache)
Somit ist Kultur im semiotischen Sinne ein Ineinander-Greifen von Systemen auslegbarer Zeichen. Ein durch die Menschen selbst gesponnenes Bedeutungsgewebe, das nicht ist, sondern immer nur wird. Es ist nicht in dem Sinne, dass es aus festen Bedeutungen, gegebenen Institutionen, vorgeschriebenen Verhaltensweisen besteht, sondern dass die Bedeutungen, die Vernetzung der Institutionen, die Kodifizierung der Verhaltensweisen im sozialen Diskurs ihrer Partizipienten – also durch die Bedeutung der symbolischen Handlungen – stetig aktualisiert und modifiziert werden. Kultur ist nicht, sondern ist im steten Werden begriffen. (Geertz 1999:16, 21, 26ff.)

1. September 2009

Von der Tiefenökologie

Die dramatischen Entdeckungen der Physik des beginnenden 20. Jahrhunderts – das Plancksche Wirkungsquantum, die Doppelnatur des Lichtes, die Heisenbergsche Unschärferelation, die Relativitätstheorien – führten zu einer Umwertung aller Werte, da keine eindeutigen Ergebnisse mehr für ein Problem zu erhalten waren: das Stetige wurde Unstetiges, das Eindeutige wurde Doppeldeutiges, das Bestimmte wurde Unbestimmtes und das Absolute wurde Relatives. (Fischer 2005:163ff)

Die Lösung dieses Dramas lag in einem veränderten Blickwinkel, der vom immer weiteren Zerteilen des Forschungsgegenstandes wieder zurück tritt und mit einer veränderten Begriffsapparatur dem Ganzen eine neue Bedeutung zugestand. Denn zerlegt man ein System in seine Einzelteile, zerstört man die Eigenschaften des Systems, welche die einzelnen Teile erst in ihrem netzwerkartigen Zusammenspiel verwirklichen.


Daraus entwickelte sich über die Dekaden ein Systemdenken in allen Wissenschaftsbereichen – auch wenn es nicht deren Hauptströmungen waren: Systeme sind nicht linear beschreibbare Netzwerke, deren einzelne Teile auf 4-dimensionale Weise miteinander in Verbindung stehen und sich durch Rückkopplungsschleifen (Feedback) selbst regulieren. Diese Selbstregulierung wird bestimmt durch das dem System immanente Organisationsmuster (Software), welches sich in der physischen Struktur (Hardware) des Systems verkörpert – eben im Prozess der Selbstorganisation, der Autopoiese! Während des autopoietischen Prozesses sind alle Untereinheiten des Systems daran beteiligt die Grenzen des Systems zu etablieren, neue Untereinheiten des Systems zu erzeugen, alte Untereinheiten des Systems zu transformieren und damit insgesamt das Organisationsmuster aufrecht zu erhalten. (Capra 1996:181-202)


Nun ist aber auch festzustellen, dass eine Vielzahl von Systemen, also nicht linearen und autopoietischen Netzwerken, nebeneinander und ineinander existiert: „Systems nesting within systems“. Das bedeutet, dass unsere Lebensumwelt ein Ökosystem bildet, in dem sich beispielsweise Gesellschaftssysteme befinden, welche durch Individuen etabliert werden, deren Körper aus beispielsweise dem Immunsystem, Nervensystem, Verdauungssystem etc. bestehen, worin sich wiederum andere Systeme auf mikroskopischer und molekularer Ebene befinden.

Alle diese Netzwerke stehen auf vielfältige und vielschichtige Weise miteinander in Verbindung und sind strukturell an ihre Umwelt gekoppelt. Diese strukturelle Koppelung besteht durch die Interaktion der einzelnen Systeme mit anderen Systemen, durch welche sie Energie oder Informationen austauschen, wodurch wiederum strukturelle Veränderungen ausgelöst werden. Diese Veränderungen werden aber nur ausgelöst und nicht bestimmt: Gesteuert werden die Veränderungen des Systems autonom durch dessen Organisationsmuster, die im Prozess der Autopoiese verwirklicht werden. Denn lebende Systeme sind zwar energetisch nach außen hin offen, jedoch organisatorisch nach innen hin geschlossen. Das heißt, dass Energie oder Information einem System von außen eingegeben werden, diese externen Impulse jedoch autonom im Prozess der Selbstorganisation in Rückkopplungsschleifen verarbeitet werden.


Das sich Bewusstwerden, dass Systeme in Systemen nisten und alle Einheiten eines Systems miteinander zusammenhängen und alle Systeme miteinander strukturell gekoppelt sind, führt zu einer Sichtweise, die tiefenökologisch genannt wird. Aus diesem Bewusstsein heraus lässt sich vielleicht nicht logisch, so doch zumindest psychologisch ein ethisches Verhalten ableiten: Da unser Handeln und Unterlassen Auswirkungen innerhalb unseres Systems und durch die strukturelle Koppelung auch mit anderen Systemen hat, ergibt sich zwangsläufig eine Sensibilität und Weitsichtigkeit für unser Handeln, sowie ein Schutzempfinden für unser Lebensumfeld.

19. Juli 2009

Vom freien Willen

Kant definiert den Menschen notwendiger Weise als „frei“, da er ansonsten kein moralisches Wesen sein könne. In vielen Religionen entsteht eine unauflösbare Spannung zwischen der planvollen Vorbestimmung des Weltenverlaufs und des Menschen durch Gott und einem Gericht am Ende der Zeiten, welches über den Menschen und seine Taten befinden soll. Doch warum ein Gericht, wenn dessen Ausgang von Anbeginn her bestimmt ist?

Um uns der Frage nach dem Vorhandensein eines freien Willens zu nähern, scheint es ratsam zunächst die beiden Begriffe zu trennen: Unser „Wille“ bildet sich über ein inneres Wollen, also dem, was man aus sich heraus für notwendig erachtet – zum Vollzug einer Handlung oder zur Formulierung eines Wunschs: Ein aktiv gefasster Entschluss! Frei zu sein heißt, keinen äußeren oder inneren Zwängen oder Einschränkungen zu unterliegen. Alles was uns in unserer Meinungsbildung und -äußerung und unserem Handlungsspielraum einschränkt, macht uns unfrei – nimmt uns die Freiheit.


Ein freier Wille ist dann ein aktiv und bewusst gefasster Entschluss, der unser Wollen zum Ausdruck bringt, ohne von außen oder innen beeinflusst worden zu sein! …in diesem absoluten Sinn muss ich sagen, dass es diesen freien Willen nicht gibt.


Denn „dem bewussten Formulieren eines Wunsches, geht immer ein unbewusster Prozess voraus.“ (Roth im Spiegel 52/04) „Wir tun also nicht was wir wollen, sondern wir wollen was wir tun.“ (Urban 2007:26)

Unser Gehirn konfabuliert aus evolutionären Gründen Kongruenz zwischen unserem Unbewussten, unserer Erwartungshaltung und unserer Entscheidung: Der Mensch empfindet sich als frei, weil er seine Determinanten nicht wahrnimmt. Dabei ist der Mensch auf sehr vielfältige Weise determiniert: Durch seine Kultur, die ihm vorgibt welche Sprache er verwendet und welche Symbole er wie zu deuten hat. Durch seine Rollen, die er in der Familie, unter Freunden und in der Gesellschaft einnimmt, die sich durch ununterbrochene Kommunikationsprozesse permanent aktualisieren und somit selbstbegrenzen, erzeugen und erhalten.

Der Mensch als Individuum und als Teil einer sozialen Gemeinschaft befindet sich in einem selbstorganisierenden Netzwerk, das mit seiner Umwelt auf vielfältige Weise strukturell gekoppelt ist: Lebende Systeme sind für Energie und Informationen nach außen hin offen, doch für deren Verarbeitung nach innen geschlossen. Das heißt, dass der Mensch Informationen von außen empfängt, sie jedoch systemisch selbstregulierend als Individuum neuronal und als Teil einer Gruppe sozial organisiert. Durch diese strukturelle Koppelung an seine Umwelt einerseits und die Selbstorganisation andererseits, ist das Verhalten des Menschen sowohl determiniert als auch frei. (Capra 1996:249f)


Letzten Endes, auch wenn der Mensch durch seine Vita und seine Umwelt determiniert ist, ist es doch des Menschen eigenes – wenn auch hauptsächlich unbewusstes – Wollen, das durch die Eigenschaft der Nichtlinearität von Netzwerken nicht vorhersagbar ist.