"Ich sehe was, was Du nicht siehst!" Dieses bezaubernde Kinderspiel, das die meisten von uns in ihrer Kindheit gespielt haben, erhält im Hinblick auf aktuelle Forschungsfragen einen ambivalenten Beigeschmack: Fakt, Wahrheit, Realität und die gesamte Vielfalt der mit ihnen verwandten Worte sind Begriffe, die seit Jahrzehnten ihre fundamentale Bedeutung in der wissenschaftlichen Beschreibung unserer Lebenswelt verloren haben! Warum?
Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, angestoßen durch die Quantenmechanik in der Beschreibung der Doppelnatur des Lichts und die Entdeckung des Planckschen Wirkungsquantum, wurde deutlich, dass sich am Fundament unserer Welt nichts Stabiles und Stetes, sondern nur Wahrscheinliches und Unstetes befindet, das sich nicht mit Sicherheit und diskreten Begriffen beschreiben lässt.
Doch hier befinden wir uns ja in der subatomaren Ebene, die mit unserer konkreten Lebenswelt nichts zu tun hat – mag da einer sagen. Dann überspringen wir ein paar Ebenen mit ihren emergenten Eigenschaften und wenden uns dem Menschen und seiner direkten Lebenswelt zu:
Aus systemtheoretischer und kybernetischer Sicht wird deutlich, dass ein System immer weniger komplex ist als seine Umwelt: Der Staat ist weniger Komplex als die Vereinten Nationen, die Institution Kirche weniger als der Staat und so weiter.
Durch seine geringere Komplexität kann das System Mensch nicht für jedes Element in seiner Umwelt einen Anknüpfungspunkt entwickeln, da er sich sonst nicht von seiner Umwelt unterscheiden würde und sich in ihr auflösen müsste:
Eine Zelle grenzt sich durch ihre Membran von ihrer Umwelt ab, um ihren Organellen einen selbst reproduzierenden Prozess zu gewährleisten. Durch die hoch spezialisierte Zellmembran werden nur ganz bestimmte Stoffe in genauen Dosen hindurch gelassen, um den internen Prozess zu unterstützen. Gäbe es keine Zellmembran, dann würde sich die Zelle in seiner Umwelt auflösen; gibt es aber eine, dann muss das weniger komplexe System sich spezialisieren. (Vgl. Luhmann 2009:121f.; Maturana [u.a.] 2009:31ff.; Fischer 2006:197f.)
Aus diesem Grund muss das kognitive System Mensch Informationen aus seiner Umwelt bündeln, was heißt, dass es ein und dieselbe Stelle an seiner Systemgrenze für unterschiedliche Reize verwenden muss, die es folglich nicht differenzieren kann. Die fehlenden Informationen, also diejenigen, welche die Systemgrenze Mensch aufgrund der notwendigen kognitiven Spezialisierung nicht durchdringen konnten, werden auf verschiedenen Prozessebenen innerhalb des Gehirns in rekursiver Art errechnet und interpretiert – also konstruiert:
Sinneswahrnehmungen "sind alle 'blind', was die Qualität ihrer Stimuli angeht, und reagieren nur auf Quantität. (...) 'da draußen' gibt es nämlich in der Tat weder Licht noch Farben, sondern lediglich elektromagnetische Wellen; 'da draußen' gibt es weder Klänge noch Musik, sondern lediglich Druckwellen der Luft; 'da draußen' gibt es keine Wärme und keine Kälte, sondern nur bewegte Moleküle mit größerer oder geringerer durchschnittlicher kinetischer Energie usw. Und schließlich gibt es 'da draußen' sicherlich keinen Schmerz." (Foerster 1993:31)
Unsere Lebenswelt verliert also bereits auf dem Weg durch unsere beschränkten kognitiven Kanäle ein gravierendes Maß an Information, die unser Gehirn konfabulieren muss; und zwar so authentisch, dass wir gar nicht bemerken, dass wir nicht sehen, was wir nicht sehen.
Damit aber nicht genug! Nun gehen wir als Forscher in eine Welt, die wir nur rudimentär und hochgerechnet wahrnehmen, und wollen Menschen, Gesellschaften, Ökosysteme beschreiben:
Um aber überhaupt etwas "sehen" zu können, brauchen wir Hypothesen, die wir an die Welt richten. Aus diesen Hypothesen leiten wir – wenn sie sich durch Induktion und Deduktion und im wissenschaftlichen Diskurs bewährt haben – Paradigmen ab, die wir als Schablone an die Welt anlegen und wiederum bewirken, dass wir nur das "sehen", was wir mit diesem Paradigma "sehen" können. Dies wird daran deutlich, dass wissenschaftliche Revolutionen oft mit Paradigmenwechseln Hand in Hand gehen, die die gesamte Wahrnehmung der Forscher verändert und gleichsam unseren Ausschnitt von der "Wirklichkeit". (Kuhn 1973)
Nachdem nun also eine bloß hochgerechnete Welt in unseren Kopf, unsere lediglich konstruierte Hypothese auf die Welt und deren Reflektion auf unsere Notizblöcke gelangt ist, sitzen wir an unseren Schreibtischen und werten unser Material aus; ein Material, das häufig von unseren sogenannten Informanten stammt und somit eine Beobachtung zweiter oder n-ter Beobachtung ist, die wir wiederum nach unseren Mustern ordnen, interpretieren und deuten. Dadurch entsteht eine recht fiktive Geschichte, durch die wir eine "fremde Welt" quasi erfinden. (Geertz 1999:22f.)
"Das Problem liegt darin, (...) daß der Beobachter nicht sieht, daß er nicht sieht, was er nicht sieht." (Foerster 1993:19)
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