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1. Oktober 2009

Von der Angst vor dem Nichts

"Die Bildung zu[r Humanität] ist ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muß, oder wir sinken, höhere und niedere Stände, zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück." (J.G. Herder)

Der Mensch als Seiendes hat existentielle Angst vor dem Nichts, vor dem ontologischen Nicht-Sein der Existenz. Aber auch vor einem intellektuellen Nichts des Wissens, also der Unerklärbarkeit von Seiendem. Gefasst ist diese Angst in dem dramatischen Begriff des „Horror vacui“ – der Abscheu vor dem Leeren:

In der frühen Anschauung der Natur zeigte sich diese Abscheu darin, dass die unsere Erde umgebenden Leuchtkörper auf Sphären festgemacht gedacht wurde – eben Firmament: Befestigungsmittel –, weil nicht Nichts sein durfte.


In der frühen Erklärung unserer Lebensumwelt zeigte sich das Horror vacui in den vielen Schöpfungsmythen von Welten, Menschen und Göttern, also den Kosmogonien und Theogonien, um die Angst vor dem Unerklärbaren durch Welterklärungserzählungen verständlich zu machen.


In der intellektuellen Spekulation über so genannte Heilige Texte – also der Exegese –, zeigte sich die Angst vor dem Unwissen in einer überbordenden Auslegungswut der Interpreten, die beispielsweise zu wissen vorgaben, wie viele Handbreit Jona vom Schiff weg ins Meer geworfen worden sei und wie der Fisch heiße, der ihn verschluckt habe.


Und noch lange nach der wissenschaftlichen Revolution im 16. Jahrhundert wurde der Raum zwischen den Planeten mit einer Art Äther gefüllt, durch welches sich das Licht ausbreite, weil die Angst des Menschen vor dem Nichts so tief sitzt, dass auch die Wissenschaft Probleme hatte diese zu überwinden.


In der modernen Wissenschaft stellt sich die Frage nach dem Nichts nicht mehr in dieser quälenden existentiellen Form, denn seit den Relativitätstheorien ist klar, dass Materie den Raum und die Zeit als kohärentes 4-dimensionales Kontinuum erst aufspannt. Darüber hinaus ist eben Nichts: kein bloß luftleerer Raum, sondern das radikale und Furcht einflößende Nichts – aber eben erklärbarer!


In meiner persönlichen Vita zeigt sich die Angst vor dem Nichts im steten Bemühen besser zu werden, mich weiter zu entwickeln – eben die Anlagen des Menschseins und des Menschwerdens zu entfalten. Bedauerlicher Weise kippt dieses Bemühen häufig in ein rastloses und obsessives Gehetztsein, mit einer Spur Hysterie, dass ich nur dann ein anerkanntes Mitglied des Clubs „Menschheit“ sein könne, wenn ich den entschwindenden Horizont des Wissbaren doch einhole. Und dieser aufwühlende und nur in die Ferne blickende Zustand lässt mich meine Gegenwart vergessen.


So war es auch, als ich, um meinem Selbstbild als Akademiker zu genügen, gegen Ende des Studiums noch einen Lateinkurs belegen musste: Als ich die Prüfung bestanden hatte, war da kein Augenblick der Erfüllung, kein Moment des Ausgefülltseins zu spüren; nicht für den Bruchteil eines Wimpernschlages… lediglich der Gedanke, dass ich nun noch Altgriechisch und Sanskrit lerne müsse.

Denn dieses brennende und alles verzehrende Vakuum in meiner Brust saugt alles in sich auf und lässt mich unbefriedigt und ängstlich immer weiter hetzen, gönnt mir keine Ruhe – denn es könnte ja sein, dass ich aufwache und nicht mehr Mensch bin.

28. Juni 2009

Vom Buddha-Puja in Swayambunath, Nepal


Seit geraumer Zeit bin ich in der drückenden Monsunhitze unterwegs und mein Ziel tritt immer deutlicher aus dem Dunstkreis der Ferne, hoch und erhaben auf einem Berg thronend: Swayambunath, der „Herr, der aus sich selbst entsteht“. Eines der ältesten Heiligtümer des Kathmandu-Tals. Dort wird er verehrt, der Ur-Buddha: Adibuddha.
Am Fuß des Berges prunkt ein freistehendes, bunt verziertes Ehrenportal. Dahinter strebt die Pilgertreppe steil aufwärts, gesäumt von den fünf transzendenten Buddhas und ihren Reittieren. Immer steiler führt die Treppe aufwärts und die Stufen werden höher und unregelmäßiger. Langsam erscheint die goldene Spitze der Stupa, flankiert von zwei Shikhara-Tempeln. Schritt für Schritt, Stufe für Stufe, gibt das Heiligtum mehr von sich Preis.
Auf der Stupa: die Augen des Buddhas, die über dem Tal wachen. Von dort: ein atemberaubender Ausblick in den von Gebirgsketten umrahmten Kessel. Schwere, bedrohliche Wolken drücken auf das Tal, mit Häusern aus roten Lehmziegeln im tiefen Grün der fruchtbaren Flora.
Aber es ist spät; kein Verharren in der friedvollen Stille! Das Buddha-Puja beginnt in wenigen Minuten. So wende ich mich nach Norden und betrete den Vorraum des Gompa. Es empfängt mich eine wuchtige Buddha Shakyamuni-Statue, umlagert von etlichen kleineren Abbildungen, welche die Inkarnation des Harmabah darstellen.
Den Gebetsraum, lang und schmal, dessen Eingang an der kürzeren Seite dem bunt und gold verzierten Altar gegenüber liegt, betrete ich ohne Schuhe und nehme an der Fensterseite auf dem Boden Platz. Der Länge nach stehen sich zwei flache Tische gegenüber, an denen die Mönche später sitzen werden.
Beim Einzug knien die Gläubigen im traditionellen Mönchsgewand nieder, stehen auf, falten die Hände zum Gruß und führen sie vor den Kopf, den Hals und das Herz; dies mit dem Wunsch nach richtigem Denken, Sprechen und Fühlen.
Die Mönche nehmen Platz, die Alten sitzen höher. Den meisten sind Instrumente zugeordnet. Schweigen. Dann beginnt die Rezitation der Mantras, angeleitet durch den Taktgeber mit seinen Schellen.
Das Gemurmel der Rezitation, die Trommeln, Trompeten und Flöten wechseln sich ab. Verschiedene Abläufe lassen sich erkennen. Auch Essen wird verteilt und Symbole durch den Raum getragen, die allem Anschein nach die diversen Buddhas symbolisieren, die in den verschiedenen Teilen der Rezitation auftauchen und so sichtbar gemacht werden.
Langsam beginne ich mir selbst Vorwürfe zu machen, alles hektisch aufschreiben und analysieren zu wollen. Ich lege Stift und Papier bei Seite und versuche mich dem Geschehen zu öffnen und treiben zu lassen…
Mehr und mehr komme ich zur Ruhe und versuche mich in einen Versenkungszustand zu versetzen, wie ich es vor Ort zu erlernen verlangte. Die mystische Atmosphäre aus Stimmen und Klängen tut das ihrige.
Die Mantras, auch wenn ich sie nicht verstehe, ein Werkzeug zur Befreiung des Geistes und Fokussierung, sollen ihren Weg ins Herz finden und nicht im Ohr verhallen. Es scheint mir, als würde die Postmoderne bloß noch in mir Raum einnehmen und das auch nur noch durch einen Schleier. Sie findet ihrer Grenzen an meiner äußeren Hülle. Alles um mich herum wirkt wie eine Zeitreise in die mythologische Vergangenheit dieser Welt, als alles gerade erst Form angenommen hat. Dorthin will ich mitgehen…
Weisheit und Mitleid sind die Eigenschaften der Boddhisattvas. Die eigenen Bedürfnisse treten in den Hintergrund. Das gesamte Leben als Bittgebet für seine Mitmenschen.
Ich bin sehr ergriffen und zutiefst gerührt. Mit Hochachtung und Bewunderung trete ich meinen Ruckweg an. Einen Weg aus der Vergangenheit in die Gegenwart, mit leichtem Bedauern über den armseligen Zustand dieser vergehenden Welt.

Vom Frauenfestival in Pashupatinath, Nepal



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Frauen aus allen Teilen des Landes strömen in Scharen nach Pashupatinath, dem ehrwürdigsten Shiva-Heiligtum Nepals. Heute ist der 21. August 2001: Tij – Frauenfestival. Pashupatinath, die Schutzgottheit Nepals: „Meister und Herr aller Tiere“. Dorthin, zu einem Wallfahrtsort des gesamten indischen Subkontinents, zieht es sie: ein nicht enden wollender Strom rotgekleideter Frauen – kilometerlang – soweit das Auge zu blicken vermag. Die Farben sind intensiv und einprägsam: Der Kontrast des satten Rot der Saris im kräftigen Grün der umgebenden Vegetation und der moosbehangenen Tempel. Alle sind sie gekommen, um im goldgedeckten Pagodentempel vor das Angesicht Shivas und Parvatis zu treten. Aus ihren Gesichtern spricht angespannte religiöse Erwartung; Hoffnung auf den bevorstehenden Akt göttlicher Audienz, oder besser: Visualität! Langsam, Schritt für Schritt bloß, geht es voran. Kaum merklich. Aber doch. Der Himmel ist wieder azurblau und die Sonne brennt auf die Häupter der Pilgerinnen hernieder. Jede Bewegung und selbst das Verharren ist eine Qual in der schwülen Hitze der ausgehenden Regenzeit. Strapazen sind es – endlose –, welche die fastende Pilgerschar über sich ergehen lässt. Vereinzelt Zusammenbrüche... ausruhen – einreihen – nicht aufgeben. Irgendwann... Dort! Der Korridor aus Bambusstreben, der die Gläubigen geordnet zum Heiligtum führen soll. Die Anspannung steigt; nur noch wenige hundert Meter. Später... die Dauer eines Menschenlebens: Der befriedende Blick auf die Bagmati, den heiligen Fluss. Das Ausbrechen aus dem Geburtenkreislauf, versprochen durch ein Bad an dieser Stelle... eine Hauch Erlösung; doch weiter. Entlang der Bagmati – endlich – fällt der Blick auf das ersehnte Ziel. Die Qualen treten in den Hintergrund. Das Ende der Reise; beinahe. Nur noch wenige Stufen hinauf in den Vorhof: Jeder Schritt eine Unendlichkeit: eine Stufe..., noch eine..., die nächste... Nicht mehr die Pilgerin drängt vorwärts, sondern Shiva selbst, der Angelpunkt dieser Reise, zieht sie zu sich… magisch! Wenige Meter bloß. Ist es wirklich wahr? Der Blick: er hofft, wünscht, fokussiert... Das Betreten des Tempels. Verwirrende Dunkelheit. Besinnung... DARSHAN!!! Der heilbringende Blick des Göttlichen. Erlösung! Entlohnung…Weitergehen, fallenlassen, freuen, tanzen, spielen... Unendliche Freude!!!

26. Juni 2009

Von der verlorenen Unschuld

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Ich stehe in der Wetterau auf einem der erhabensten Punkte zwischen den Mittelgebirgen – zwischen Feldberg und Taufstein... Der Himmel ist hellblau, die Luft klar; die Temperatur wirkt mild im frühherbstlichen Sonnenuntergang auf meinem jungen, zerfurchten Gesicht.
Ich erliege einem bedrückenden Gefühl der Erschaffenheit, der Kreatürlichkeit – meiner Begrenztheit, meiner fundamentalen Endlichkeit und Nichtigkeit! Kaum die Spanne eines Lebens überblickend, war ich nicht anwesend als vor Millionen von Jahren die Erdkruste dem Druck des Magmas nicht mehr standhalten konnte und Gebirge mit gewaltigen Explosionen und Feuersbrünsten auftürmte – nein! schuf, denn auftürmen (einen Turm errichten) ist eine vergänglich menschliche Tätigkeit! Doch ist es der Mensch in seiner Hybris, der sich ach so wichtig nimmt...
Mich hält dieses Gefühle des „Geschaffenseins“ weiter in Atem: Die Vorstellung der Unendlichkeit – der unendlichen Weiten des Raumes, der Zeit und des Wissbaren – gepaart mit meiner Kleinheit, die ich, wenn ich nicht reflektiere, als Großheit wahrnehme. Und eben diese Großheit meines Selbst tritt nun doch stärker in den Vordergrund: Die Gefühle wechseln sich nicht ab und bilden auch keine verschiedenen Ebenen, sondern es wird eine genuine Melange aus Klein- und Großheit – coincidentia oppositorum! Denn in meiner Begrenztheit weiß ich eben doch, dass ich auch bloß begrenzt nichtig bin – eben doch kein Nichts! So arbeitet sich auch in mir die Hybris ihren Weg an die Oberfläche meines Bewusstseins und formt eine stolze Empfindung ob der Kulturleistungen des Menschen: Domestizieren von Tieren, Bepflanzen von Feldern, Bearbeiten von Metallen, Erfinden von Schrift… und schon ist es geschehen und eine weitere Gemütsregung wird stark und stärker – die Trauer! Die Trauer, die in Wut übergeht, über die Ignoranz des Menschen ob seiner eigenen Kulturleistungen!
Ich bleibe allein zurück! Nur mit mir - dem Tier, vor dem ich mich am meisten fürchte - und mit einer vielgestaltigen Erregtheit und einem Bedauern über mich selbst, dass ich meine Unschuld verloren habe! Die Unschuld eines Uneingeweihten, der die Welt nicht nur noch erklärend wahrnehmen kann... Die Unschuld blind lieben zu können, als sei es das einzige, erste und letzte Mal... Und doch bin ich zuversichtlich. Denn in meiner intellektualisierten Wahrnehmung empfinde ich - und ich weiß, was ich empfinde. Jedenfalls mache ich es mir vor zu wissen!