Ich stehe in der Wetterau auf einem der erhabensten Punkte zwischen den Mittelgebirgen – zwischen Feldberg und Taufstein... Der Himmel ist hellblau, die Luft klar; die Temperatur wirkt mild im frühherbstlichen Sonnenuntergang auf meinem jungen, zerfurchten Gesicht.
Ich erliege einem bedrückenden Gefühl der Erschaffenheit, der Kreatürlichkeit – meiner Begrenztheit, meiner fundamentalen Endlichkeit und Nichtigkeit! Kaum die Spanne eines Lebens überblickend, war ich nicht anwesend als vor Millionen von Jahren die Erdkruste dem Druck des Magmas nicht mehr standhalten konnte und Gebirge mit gewaltigen Explosionen und Feuersbrünsten auftürmte – nein! schuf, denn auftürmen (einen Turm errichten) ist eine vergänglich menschliche Tätigkeit! Doch ist es der Mensch in seiner Hybris, der sich ach so wichtig nimmt...
Mich hält dieses Gefühle des „Geschaffenseins“ weiter in Atem: Die Vorstellung der Unendlichkeit – der unendlichen Weiten des Raumes, der Zeit und des Wissbaren – gepaart mit meiner Kleinheit, die ich, wenn ich nicht reflektiere, als Großheit wahrnehme. Und eben diese Großheit meines Selbst tritt nun doch stärker in den Vordergrund: Die Gefühle wechseln sich nicht ab und bilden auch keine verschiedenen Ebenen, sondern es wird eine genuine Melange aus Klein- und Großheit – coincidentia oppositorum! Denn in meiner Begrenztheit weiß ich eben doch, dass ich auch bloß begrenzt nichtig bin – eben doch kein Nichts! So arbeitet sich auch in mir die Hybris ihren Weg an die Oberfläche meines Bewusstseins und formt eine stolze Empfindung ob der Kulturleistungen des Menschen: Domestizieren von Tieren, Bepflanzen von Feldern, Bearbeiten von Metallen, Erfinden von Schrift… und schon ist es geschehen und eine weitere Gemütsregung wird stark und stärker – die Trauer! Die Trauer, die in Wut übergeht, über die Ignoranz des Menschen ob seiner eigenen Kulturleistungen!
Ich bleibe allein zurück! Nur mit mir - dem Tier, vor dem ich mich am meisten fürchte - und mit einer vielgestaltigen Erregtheit und einem Bedauern über mich selbst, dass ich meine Unschuld verloren habe! Die Unschuld eines Uneingeweihten, der die Welt nicht nur noch erklärend wahrnehmen kann... Die Unschuld blind lieben zu können, als sei es das einzige, erste und letzte Mal... Und doch bin ich zuversichtlich. Denn in meiner intellektualisierten Wahrnehmung empfinde ich - und ich weiß, was ich empfinde. Jedenfalls mache ich es mir vor zu wissen!
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