27. Juni 2009

Vom Zufall

Durch kreative Denkleistung hat der Mensch den Begriff „Zufall“ nicht lediglich durch Beobachtung des Weltgeschehens gefunden, sondern kreiert. …wird aber mit dieser Begriffsschöpfung nicht auch zwangsläufig seine Existenz, die des Zufalls, in der subjektiven Wahrnehmung des menschlichen Daseins konkrete Wirklichkeit?
Diese Begriffsbildung ist ein Versuch das Unfassbare greifbar, das Unverständliche erklärbar zu machen: das absolut komplexe Gewebe unseres Seins und Daseins, ein nicht vorstellbares Gefüge aus Ursache und Wirkung - die vollkommene Kausalität.
Dies ist einem dem menschlichen Verstand niemals völlig erschließbares System kosmischen Zusammenspiels. Alles ist mit einander verbunden, ineinander verwoben und steht mit allem in Wechselwirkung: das Weltkonzept eines Feldes, das dort Form annimmt, wo es sich verdichtet und dann wieder feinstofflich wird und vergeht, wo es sich entspinnt. Alles ist im Fließen begriffen und bedingt sich unaufhörlich gegenseitig - und selbst.
Wie sollte dem Menschen diese übermenschliche Denkfähigkeit eigen sein, das letztendgültig Komplexe erschließen zu können und warum? Würde er dadurch nicht lebensunfähig werden? Deshalb stilisiert er diese unüberschaubaren Vorgänge auf ein ihm verständliches Maß und wird selbst Schöpfer eines mikrokosmischen Teils seiner Existenz und der Welt überhaupt. Er hat somit Anteil an seinem Schicksal, was ihm ein gewisses Maß an Kontrolle und Ruhe vermittelt und worin er Sinn erkennen kann. …und ist das nicht das wichtigste für den Mensch, der Sinn?
Genauso verhält es sich mit Gott, oder besser dem, was wir irgendwann angefangen haben Gott zu nennen. Furcht und Entsetzen geht vom Unverständlichen aus. Daher erfinden wir Namen für Phänomene und Teilbereiche unseres Lebens, um uns die Angst vor dem Unbekannten und Unerklärlichen zu nehmen. Mit dem Begriff glauben wir den umfassenden Vorgang begreifbar gemacht zu haben: Gott ist so und so; Gottes Wille ist dies und jenes. …und ist nicht das, was wir Gott nennen, somit genau das Oben beschriebene Phänomen der absoluten Kausalität? ...der Kosmos als sich selbstorganisierendes System mit geistigem Charakter?
Einmal nennen wir es Zufall, ein anderes Mal den Wille Gottes. Beide Aspekte vereinfachen das menschliche Dasein und sind Sinn gebend; lassen die Existenz gehaltvoll erscheinen und machen sie erklärbar. Deshalb ist es wohl eine enorme Leistung, die unser kognitiver Verstand vollzieht, um uns am Leben zu erhalten.
Die Bereiche des Unerklärbaren sind in unserer heutigen Zeit in entlegene Wickel spezifischer Wissenschaften zurückgedrängt worden. Es gibt immer weniger, was wir fürchten, je mehr wir uns einbilden über die Welt und unser Sein über das Instrument der Erklärbarkeit unter Kontrolle zu haben.
Dennoch, aber vielleicht gerade auf Grund der komplex-modernen und in Teilsysteme differenzierten Gesellschaft, bleibt uns die endgültige Einsicht in die Absolutheit der kausalen Zusammenhänge verwährt. So wird es weiterhin die Begrifflichkeiten wie Gott, Zufall, Schicksal im Denken des Menschen geben und bildet einen großen Bestandteil seiner Realität.
In dieser Hinsicht zeigt sich ein Wesenszug des Menschen, sei er prähistorisch, antik oder postmodern: sein Leben in einer spezifischen Umwelt verstehen und ihm Sinn geben zu wollen. Doch die Akzeptanz eines vollkommen kausalen Gefüges scheint nicht auszureichen, um sich eine neue Sichtweise der Welt anzueignen. Vielleicht weil es unbefriedigend ist?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen