
Seit geraumer Zeit bin ich in der drückenden Monsunhitze unterwegs und mein Ziel tritt immer deutlicher aus dem Dunstkreis der Ferne, hoch und erhaben auf einem Berg thronend: Swayambunath, der „Herr, der aus sich selbst entsteht“. Eines der ältesten Heiligtümer des Kathmandu-Tals. Dort wird er verehrt, der Ur-Buddha: Adibuddha.
Am Fuß des Berges prunkt ein freistehendes, bunt verziertes Ehrenportal. Dahinter strebt die Pilgertreppe steil aufwärts, gesäumt von den fünf transzendenten Buddhas und ihren Reittieren. Immer steiler führt die Treppe aufwärts und die Stufen werden höher und unregelmäßiger. Langsam erscheint die goldene Spitze der Stupa, flankiert von zwei Shikhara-Tempeln. Schritt für Schritt, Stufe für Stufe, gibt das Heiligtum mehr von sich Preis.
Auf der Stupa: die Augen des Buddhas, die über dem Tal wachen. Von dort: ein atemberaubender Ausblick in den von Gebirgsketten umrahmten Kessel. Schwere, bedrohliche Wolken drücken auf das Tal, mit Häusern aus roten Lehmziegeln im tiefen Grün der fruchtbaren Flora.
Aber es ist spät; kein Verharren in der friedvollen Stille! Das Buddha-Puja beginnt in wenigen Minuten. So wende ich mich nach Norden und betrete den Vorraum des Gompa. Es empfängt mich eine wuchtige Buddha Shakyamuni-Statue, umlagert von etlichen kleineren Abbildungen, welche die Inkarnation des Harmabah darstellen.
Den Gebetsraum, lang und schmal, dessen Eingang an der kürzeren Seite dem bunt und gold verzierten Altar gegenüber liegt, betrete ich ohne Schuhe und nehme an der Fensterseite auf dem Boden Platz. Der Länge nach stehen sich zwei flache Tische gegenüber, an denen die Mönche später sitzen werden.
Beim Einzug knien die Gläubigen im traditionellen Mönchsgewand nieder, stehen auf, falten die Hände zum Gruß und führen sie vor den Kopf, den Hals und das Herz; dies mit dem Wunsch nach richtigem Denken, Sprechen und Fühlen.
Die Mönche nehmen Platz, die Alten sitzen höher. Den meisten sind Instrumente zugeordnet. Schweigen. Dann beginnt die Rezitation der Mantras, angeleitet durch den Taktgeber mit seinen Schellen.
Das Gemurmel der Rezitation, die Trommeln, Trompeten und Flöten wechseln sich ab. Verschiedene Abläufe lassen sich erkennen. Auch Essen wird verteilt und Symbole durch den Raum getragen, die allem Anschein nach die diversen Buddhas symbolisieren, die in den verschiedenen Teilen der Rezitation auftauchen und so sichtbar gemacht werden.
Langsam beginne ich mir selbst Vorwürfe zu machen, alles hektisch aufschreiben und analysieren zu wollen. Ich lege Stift und Papier bei Seite und versuche mich dem Geschehen zu öffnen und treiben zu lassen…
Mehr und mehr komme ich zur Ruhe und versuche mich in einen Versenkungszustand zu versetzen, wie ich es vor Ort zu erlernen verlangte. Die mystische Atmosphäre aus Stimmen und Klängen tut das ihrige.
Die Mantras, auch wenn ich sie nicht verstehe, ein Werkzeug zur Befreiung des Geistes und Fokussierung, sollen ihren Weg ins Herz finden und nicht im Ohr verhallen. Es scheint mir, als würde die Postmoderne bloß noch in mir Raum einnehmen und das auch nur noch durch einen Schleier. Sie findet ihrer Grenzen an meiner äußeren Hülle. Alles um mich herum wirkt wie eine Zeitreise in die mythologische Vergangenheit dieser Welt, als alles gerade erst Form angenommen hat. Dorthin will ich mitgehen…
Weisheit und Mitleid sind die Eigenschaften der Boddhisattvas. Die eigenen Bedürfnisse treten in den Hintergrund. Das gesamte Leben als Bittgebet für seine Mitmenschen.
Ich bin sehr ergriffen und zutiefst gerührt. Mit Hochachtung und Bewunderung trete ich meinen Ruckweg an. Einen Weg aus der Vergangenheit in die Gegenwart, mit leichtem Bedauern über den armseligen Zustand dieser vergehenden Welt.
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