13. September 2011

Vom Glück des Nicht-Verstehens

In meiner langen Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Kommunikation, einmal in meiner Magisterarbeit, dann als Zugang zum Phänomen der Religion überhaupt und weiter als Methode meiner Dissertation über Religionswandel, war ich bis noch vor zwei Stunden hin und her gerissen zwischen der naiven Verwunderung, wie wir es überhaupt schaffen, dass wir uns verstehen und der skeptischen Abscheu, dass gegenseitiges Verständnis im Sinne einer vollkommenen Kommunikation nie zustande kommen kann.

Die idealtypischen, klassischen Modelle – das ist seit langem klar – bilden nicht die intersubjektive Realität der Kommunikation ab. Doch ist mir heute etwas Neues aufgegangen: Eine idealtypische Kommunikation, die eine möglichst hohe Identität des Systems voraussetzt – also: Sender und Empfänger verwenden dieselben Zeichensysteme und Codes – führt im kommunikativen Austausch zu einem Informationsgehalt mit dem Wert Null.

Das liegt daran, dass sich die sprachlichen Räume der Kommunikationspartner vollkommen deckten und diese sich in ihrer geschichtlichen Entwicklung absolut gleichen. Somit kann die Eine nichts sagen, was der Andere nicht schon wüsste.

Dies ist eine idealtypische Konstruktion, die intersubjektiv nicht anzutreffen ist. Denn erstmal ist der innere Dialog mit dem alter Ego schon ein Zwiegespräch unterschiedlicher sprachlicher Systeme und daher ein Übersetzungsprozess der Bedeutung generiert und weiter entbehrt diese Konstruktion jeglicher geschichtlichen Entwicklung.

Was jedoch den Informationsgehalt eines Gespräches erhöht, sind die Übermittlungsprozesse aus den nicht identischen Bereichen der Kommunikationspartner! Und tatsächlich ist in der menschlichen Kommunikation und in der Funktion von Sprache die Annahme von Nicht-Identität zwischen Sender und Empfänger angelegt.

Jedoch wird aber die teilweise Überschneidung sprachlicher Räume angenommen, denn diese sich überschneidenden Räume des Sender und des Empfängers stehen in einem ganz besonderen Spannungsverhältnis zu einander:

Einerseits soll das Verstehen zwar erleichtert werden, was zu einer Vergrößerung der gemeinsamen Schnittmenge drängt. Andererseits jedoch soll der Informationsgehalt des Austauschs ebenfalls erhöht werden, was zur Vergrößerung der Differenz der sprachlichen Räume führt:

„Sprachliche Kommunikation stellt sich uns dar als spannungsgeladene Überschneidung adäquater und inadäquater sprachlicher Akte. Zudem ist das Nicht-Verstehen (…) ein ebenso wertvoller semantischer Mechanismus wie das Verstehen.“ (Lotman 2010:13f.)

Denn in der Überführung, wörtlich: Übersetzung, von Informationen aus nicht sprachlich identischen Bereichen des Kommunikationspartners in den eigenen sprachlichen Raum, wird enormes kreatives Potential frei, das zu Innovationen führen kann.

Würden wir uns vollkommen verstehen, dann hätten wir uns erstens nichts mehr zu sagen und es gäbe zweitens keine kulturelle Entwicklung mehr.

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