Wir lassen uns morgens mit den Radionachrichten wecken, lesen während des Frühstücks die Tageszeitung, laden die neusten Podcasts auf unseren MP3-Player für unterwegs, in der Freizeit lesen wir populärwissenschaftliche Literatur und abends schauen wir Dokumentationen per video-on-demand – kurz: Wir unternehmen alles, um dem notwendigen Informationsstand hinterher zu hetzen. Doch wir sind einer Datenflut ausgeliefert, der wir nicht mehr Herr werden!
Die immer weiter fortschreitende Differenzierung der Disziplinen in immer tiefer spezialisierte Teildisziplinen, deren Ergebnisse für den Laien genauso speziell wie dekontextualisiert sind, berauben die breite Öffentlichkeit ihrer Mündigkeit an allen gesellschaftlichen Diskursen kompetent teilnehmen und fundiert Entscheidungen treffen zu können. Grund für diese Misere ist die seit Descartes entstandene und durchaus sehr erfolgreiche Wissenschaftstradition des Reduktionismus.
Anfänglich glaubten die Wissenschaftler Systeme durch ihre Teile erklären zu können. Die Cybernetik und die Systemtheorie lebender Systeme konnte dies im vergangenen Jahrhundert eindrucksvoll widerlegen. Im Fortschreitenden Prozess des Reduktionismus haben die Forscher schließlich einmal den Blick für das Ganze verloren und das andere Mal die Notwendigkeit vernachlässig ihre Ergebnisse einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Um diesem Missstand entgegen zu wirken, werden immer häufiger Stimmen laut, die dem kreativen und synthetischen Moment mehr Raum in der analytischen Wissenschaft einräumen wollen: Wissenschaft muss als Kunst betrieben werden! Denn die Kunst hat die Tendenz zum Ganzen – die Welt ganzheitlich zu erfassen – und ist somit quasi der Gegenentwurf zum Reduktionismus und zudem auf eine synthetisch-voranalytische Art dem Menschen verständlich.
Doch wie kann dieser Anspruch in didaktisch sinnvoller Weise umgesetzt werden? Wie kann es gelingen, dass sich für musikalisch Unbegabte hinter einem Notenblatt beim ersten Blick eine wunderbare Welt der Klänge eröffnet? Oder dass sich für mathematisch Unbegabte hinter einer Formel beim ersten Blick ein unendlicher Kosmos aus geometrischen Formen eröffnet? Oder dass sich für kulturhistorisch Unbegabte beim ersten Anblick des tanzenden Shiva die Kosmologie des indischen Subkontinents entfaltet?
Versuche aus dem anglophonen Bereich wie die Popularisierung wissenschaftlicher Literatur – in Deutschland für Wissenschaftler bedauerlicherweise immer noch ein oft gemiedenes Terrain – oder Infotainment können dem eigentlichen Bedürfnis der Informationsvermittlung jetzt schon nicht Rechnung tragen und waren bei ihrer Entstehung bereits veraltet.Nein! Es muss eine Disziplin entstehen, die wissenschaftliche Ergebnisse übersetzt: Dies wird die Aufgabe einer ästhetisch-didaktisch orientierten Kunst, die es noch zu etablieren gilt, sowie einer ästhetisch orientierten Didaktik sein, die uns lehren werden die Wissenschaft und ihre Symbole auf voranalytische und ganzheitliche Weise zu verstehen. Bereits melden sich renommierte Wissenschaftler zu Wort, die diesen Weg propagieren:
In der Geschichtswissenschaft fordert der Kulturhistoriker Peter Burke die Erkenntnisse seiner Disziplin auch als Geschichte zu erzählen, was Reza Aslan mit seiner Geschichte des Islams „Kein Gott außer Gott“ ganz wunderbar gelingt.
Im Bereich der Naturwissenschaften fordert der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer, dass Atome oder die DNA-Doppelhelix als Symbole wahrzunehmen sind, die der sichtbare Ausdruck für eine dahinter liegende und sich in Wechselwirkung befindliche Welt von Beziehungen sind.
Der Philosoph Michael Schmidt-Salomon versucht die wissenschaftlichen Erkenntnisse seiner Interessensgebiete in poetischer Form zu vermitteln, indem er Romane schreibt wie „Stollbergs Inferno“, oder Kinderbücher wie „Wo bitte geht's zu Gott?, fragte das kleine Ferkel“ verfasst.
Eine in meinen Augen sehr viel versprechende Möglichkeit liefert der Autor und Designer David McCandless, der versucht durch ästhetische Visualisierung der Daten der überbordenden Informationsflut Herr zu werden und den Fakten das eigentlich Bedeutungsvolle zu entlocken: ihre Zusammenhänge und Beziehungen. Seine Maxime und der Titel seines letzten Buches: „Information is Beautiful“.
Wie immer auch diese Lösungen aussehen werden, sie müssen ästhetisch ansprechend sein und die Schönheit und das Bezaubernde hinter dem bloßen Faktum verdeutlichen, sowie die Beziehungen der bloßen Information im ganzheitlichen Zusammenhang erkennbar machen.
Dies ist der Anfang einer neuen Wissenschaftstradition!