Ich hatte die Tage einen dieser seltenen und erinnerungswürdigen Momente, in denen das Einbrechen von Verstehen plötzlich heitere Klarheit schafft. Wenn man lange über einem Problem grübelt und zu keinem Schluss kommt, es in den Hintergrund tritt, unterbewusst aber weiter arbeitet und Tage oder Wochen später sich mit einem Paukenschlag die Spannung und mit ihr auch das Problem löst.
Allein für einen einzigen solcher Momente lohnt sich lebenslanges forschendes Suchen!
Woraus entstand das Problem? Nun, die lebende Welt ist hierarchisch aufgebaut und der Komplexitätsgrad lebender Systeme steigt von Stufe zu Stufe. Auf jeder neuen Komplexitätsstufe treten Eigenschaften auf, die auf der nächst weniger komplexen Stufe noch nicht sichtbar, nur angelegt und nicht vorhersagbar waren. Erst auf einem höheren Komplexitätsgrad verwirklichen sich diese Anlagen und treten als so genannte „emergente Eigenschaften“ auf. (Fischer 2005:216ff. Blogeintrag Von der Tiefenökologie)
Die emergente Eigenschaft einer Zelle ist das Leben selbst; die emergente Eigenschaft des Gehirns ist Geist. Damit ist der Mensch von seiner kleinsten selbstorganisierenden Einheit bis zu seiner komplexesten eingerahmt. Doch müssen wir feststellen, dass Systeme in Systemen nisten und mit dem komplexesten, was die Natur hervorgebracht hat, eben dem Gehirn, nicht Schluss ist: die Zelle nistet im Organ, das Organ im Menschen, der Mensch in der Gesellschaft, die Gesellschaft im Ökosystem.
Was war nun das Problem? Wenn das Gehirn das komplexeste System ist und die emergente Eigenschaft des Gehirns Geist ist, was ist dann die emergente Eigenschaft der Gesellschaft?
Die Antwort scheint auf den ersten Blick simpel: Kultur! Doch so schlicht wie schön diese Antwort im ersten Moment auch sein mag, sie ist trügerisch. Denn wir dürfen die emergente Eigenschaft Kultur – wie alle anderen emergenten Eigenschaften – nicht als festen, statischen und monolithischen Block sehen. Kultur ist keine gegebene Größe mit festen Bedeutungen – auch wenn es uns oberflächlich so erscheinen mag. Kultur ist etwas Fluides und im steten Wandel Begriffenes. Es ist kein abstraktes Konzept in den Köpfen ihrer Partizipienten, sondern wird in den Akten der interpersonellen und systemischen Kommunikation geschaffen und stetig verändert. Kultur ist das sicht stets verändernde Produkt selbstorganisierender Prozesse des lebenden Systems Gesellschaft.
„Traditions are like building sites, under constant construction or reconstruction, whether the individuals and groups who participate in those traditions realize this or not.“ (Burke 2009:103)
Als Beispiel dienen hierfür zwei Wörterbücher aus unterschiedlichen Epochen: Die Wörterbücher für sich genommen und die jeweiligen Bedeutungen der einzelnen Wörter scheinen fest und starr zu sein, keinerlei Wandlungsprozessen unterworfen. Doch stellt man dann gleiche Worte unterschiedlicher Epochen nebeneinander, sieht man häufig Bedeutungsverschiebungen, die im Laufe der Zeiten unvermeidbar auftreten: Beispielsweise dekontextualisieren jugendliche Subkulturen einzelne Worte der Hochsprache und geben ihnen einen neuen Bedeutungshorizont, wie „geil“ oder „heftig“. (Blogeintrag Von der Macht der Sprache)
Somit ist Kultur im semiotischen Sinne ein Ineinander-Greifen von Systemen auslegbarer Zeichen. Ein durch die Menschen selbst gesponnenes Bedeutungsgewebe, das nicht ist, sondern immer nur wird. Es ist nicht in dem Sinne, dass es aus festen Bedeutungen, gegebenen Institutionen, vorgeschriebenen Verhaltensweisen besteht, sondern dass die Bedeutungen, die Vernetzung der Institutionen, die Kodifizierung der Verhaltensweisen im sozialen Diskurs ihrer Partizipienten – also durch die Bedeutung der symbolischen Handlungen – stetig aktualisiert und modifiziert werden. Kultur ist nicht, sondern ist im steten Werden begriffen. (Geertz 1999:16, 21, 26ff.)