4. Dezember 2011

Von der deutschen Sprache

In einer kaum vorstellbaren Anstrengung wurde das Deutsche als Kultursprache in einem utopischen Entwurf binnen weniger Jahrzehnte von einer handvoll Dichter geschaffen. Diese Dichter säkularisierten die sprachlichen und intellektuellen Errungenschaften aus dem Bereich der Religion, indem sie sie in den der Kunst, der Wissenschaft, des Theaters, der Philosophie und Geschichte übersetzen.

Das neue Deutsch war nicht in erster Linie und nicht unmittelbar philosophisch. Sondern es war die Sprache Minna von Barnhelms, wenn sie, zwar mit und für die Vernunft, jedoch aus einem Gefühl heraus sprechend versucht, Tellheims Ehrbegriff zu überwinden.

Ohne dass es ein politisches Zentrum gegeben hätte, erneuerte sich das Deutsche zwischen 1760 und 1830 in den sprachlichen Entwürfen der staatsfernen Dichter Lessings, Gottscheds, Schlegels, Goethes, Schillers und Jean Pauls – und war gegründet auf Empfindsamkeit. Die Literatur selbst und die Universitäten wurden zum Zentrum des Deutschen.

Ein Kontinent der deutschen Sprache entstand, ganz einfach, weil es tatsächlich dem Wunsch vieler Europäer entsprach, sich auf der Kultursprache Deutsch auszutauschen. Es war eine Sprachökumene, über die man sich zutiefst wundern kann, wenn wir den Schleicher der Immunisierung ablegen, den uns die Gewohnheit aufgezogen haben.

(Steinfeld 2010:51-66; 91-98)

Diese Ökumene erreichte ihre größte Ausdehnung in der Mitte des 19. Jahrhundert, noch vor der Entstehung des Nationalstaates aus dem schieren Willen, sich auf Deutsch verständigen zu wollen. Bereits 1767, als Lessings Minna erschien, „gab es zwischen Hamburg und Wien, zwischen Zürich und Königsberg wenige Orte, an denen man nicht fast jedes Wort verstanden hätte“. (Steinfeld 2010:92)

Dass diese Ökumene immer weiter schrumpft, liegt womöglich an der Strahlkraft des Englischen überhaupt und dessen Koinesierung in der Wissenschaft. Doch auch und vor allem daran, dass von politischer Seite immer wieder versucht wird normierend in die Sprache – in diesen lebenden Organismus – künstlich einzugreifen.

Die deutsche Sprache ins Grundgesetz aufnehmen? Wie soll das aussehen? Wie soll das funktionieren? Und was ist mit unseren vielen wunderbaren Dialekten, welche die regionalen Besonderheiten im Denken der Menschen viel besser Abbilden, als eine Hochsprache?

Sprachen leben davon, dass sie flexibel sind und sich wandeln können – im dialogischen Prozess mit gesellschaftspolitischen und kulturellen Veränderung. Normieren wir die Sprache, dann wird sie starr, sperrig und hölzern und irgendwann schafft sie es nicht mehr die Wirklichkeit zu fassen und stirbt.

Entreißt die Sprache den Politikern!! Unsere Dichter und Denker sind es, die es mit ihrer kreativen und innovativen Kraft schaffen, den Zeitgeist in immer wieder neue Worte zu kleiden und in sprachlichen Gemälden zu porträtieren.

Entreißt den Politikern die Sprache!!

13. September 2011

Vom Glück des Nicht-Verstehens

In meiner langen Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Kommunikation, einmal in meiner Magisterarbeit, dann als Zugang zum Phänomen der Religion überhaupt und weiter als Methode meiner Dissertation über Religionswandel, war ich bis noch vor zwei Stunden hin und her gerissen zwischen der naiven Verwunderung, wie wir es überhaupt schaffen, dass wir uns verstehen und der skeptischen Abscheu, dass gegenseitiges Verständnis im Sinne einer vollkommenen Kommunikation nie zustande kommen kann.

Die idealtypischen, klassischen Modelle – das ist seit langem klar – bilden nicht die intersubjektive Realität der Kommunikation ab. Doch ist mir heute etwas Neues aufgegangen: Eine idealtypische Kommunikation, die eine möglichst hohe Identität des Systems voraussetzt – also: Sender und Empfänger verwenden dieselben Zeichensysteme und Codes – führt im kommunikativen Austausch zu einem Informationsgehalt mit dem Wert Null.

Das liegt daran, dass sich die sprachlichen Räume der Kommunikationspartner vollkommen deckten und diese sich in ihrer geschichtlichen Entwicklung absolut gleichen. Somit kann die Eine nichts sagen, was der Andere nicht schon wüsste.

Dies ist eine idealtypische Konstruktion, die intersubjektiv nicht anzutreffen ist. Denn erstmal ist der innere Dialog mit dem alter Ego schon ein Zwiegespräch unterschiedlicher sprachlicher Systeme und daher ein Übersetzungsprozess der Bedeutung generiert und weiter entbehrt diese Konstruktion jeglicher geschichtlichen Entwicklung.

Was jedoch den Informationsgehalt eines Gespräches erhöht, sind die Übermittlungsprozesse aus den nicht identischen Bereichen der Kommunikationspartner! Und tatsächlich ist in der menschlichen Kommunikation und in der Funktion von Sprache die Annahme von Nicht-Identität zwischen Sender und Empfänger angelegt.

Jedoch wird aber die teilweise Überschneidung sprachlicher Räume angenommen, denn diese sich überschneidenden Räume des Sender und des Empfängers stehen in einem ganz besonderen Spannungsverhältnis zu einander:

Einerseits soll das Verstehen zwar erleichtert werden, was zu einer Vergrößerung der gemeinsamen Schnittmenge drängt. Andererseits jedoch soll der Informationsgehalt des Austauschs ebenfalls erhöht werden, was zur Vergrößerung der Differenz der sprachlichen Räume führt:

„Sprachliche Kommunikation stellt sich uns dar als spannungsgeladene Überschneidung adäquater und inadäquater sprachlicher Akte. Zudem ist das Nicht-Verstehen (…) ein ebenso wertvoller semantischer Mechanismus wie das Verstehen.“ (Lotman 2010:13f.)

Denn in der Überführung, wörtlich: Übersetzung, von Informationen aus nicht sprachlich identischen Bereichen des Kommunikationspartners in den eigenen sprachlichen Raum, wird enormes kreatives Potential frei, das zu Innovationen führen kann.

Würden wir uns vollkommen verstehen, dann hätten wir uns erstens nichts mehr zu sagen und es gäbe zweitens keine kulturelle Entwicklung mehr.