Die Demokratie ist kein bloßes Instrumentarium zur Feststellung von Mehrheiten. Wenn sie das wäre, dann wären die ehemalige DDR, Kuba und Nordkorea die erfolgreichsten Demokratien auf unserem Erdball.
Aber Demokratie ist mehr. Hinter diesem Begriff steht ein umfassender Bildungsprozess – ein Urteils-, Haltungs- und Strukturbildungsprozess:
Demokratie meint einen Urteilsbildungsprozess in der Art, dass gegensätzliche Meinungen ausgehandelt werden können. Denn wirkliche Erkenntnis kann ohne eine Gegenmeinung, welche die eigene auf den Prüfstand stellt, nicht statt finden. Und erst in der Vermittlung von Dissens und Alterität kann eine Meinung politisch werden und eine „öffentliche Wahrheit“ widerspiegeln. (Bhabha 2000:35)
Demokratie beinhaltet einen Haltungsbildungsprozess, der die Bürger_innen zur prinzipiellen Offenheit für Vielfalt von Meinungen – vor allem von Minderheiten – und zur Toleranz für alternative Lebens- und Denkweisen bildet.
Demokratie ist ein Strukturbildungsprozess, der die Möglichkeiten und Räume schafft und unterhält, damit einmal demokratische Haltungen entwickelt und weiter diverse Meinung verhandelt werden können.
Demokratie misst sich also daran, in wie weit und wie eine möglichst große Vielfalt an Meinungen in eine urteilsbildende Beziehung zu einander treten können als auch nach ihrer Durchlässigkeit für Meinungen von der Peripherie her.
Aber wie schaffen wir Vielfalt und Durchlässigkeit? Durch Spielräume! Durch Spielräume sowohl für den einzelnen Menschen als auch für die Gesellschaft.
Der einzelne Mensch benötigt zur Formung einer Individualität Spielräume, um zwischen seiner, von der gesellschaftlichen Norm geleiteten Person einerseits und seinem wesentlichen Selbst andererseits ein ausgehandeltes Drittes entstehen lassen zu können: Individualität. Diese Räume sind beispielsweise Spielplätze, Jugendzentren, Sportvereine, Musikschulen, das Freie Soziale Jahr und das Studium.
„Individualität scheint etwas zu sein, daß man erringen muß – und ein Aspekt ihres Erringens ist (…) ‚eine Beurteilung des eigenen Seins in Bezug zu traditionellen oder alternativen Kategorien’.“ (Turner 2009:190)
In diesen Zwischenräumen kann sich der Mensch mit reduzierten sozialen Zwängen spielerisch und frei ausprobieren und neue Formen der Wahrnehmung, des Denkens und Handels entwickeln. Denn hier agiert er – beispielweise im Fußballspiel – mit veränderten Spielregeln (Fußballstatuten) und verminderter sozialer Markierung (uniformierte Mannschaft) in einem anderen gesellschaftlichen Feld (Sportverein).
Die Gesellschaft wiederum benötigt Spielräume, wie die Wissenschaft, die Kunst und das Theater, zur Reflektion und Vermittlung zwischen den realpolitischen Gegebenheiten und staatsutopischen Entwürfen, um ihren Kurs regulieren und korrigieren zu können. (Vom Theater als gesellschaftliche Notwendigkeit)
Spielräume sind die wenigen Felder der Freiheit. Sie formieren einen dritten Raum zwischen der faktischen Realität und den alternativen, ideellen Realitäten mit einer je eigenen, veränderten Struktur. Diese ist eine anti-Struktur, die nicht eine im fototechnischen Sinne negativ-Struktur meint, sondern die einer potentiellen und kontingenten Möglichkeitsstruktur.
Und genau dort – im Da-Zwischen – im Entertainment (entre tenir) / der Unterhaltung –, also zwischen den realen gesellschaftspolitischen Indikativen und den idealtypischen Konjunktiven, werden Möglichkeiten eröffnet, widerstreitende Ansichten derart zu verhandeln, dass in freier und kreativer Weise etwas Neues, Drittes, Einzigartiges entstehen kann. Etwas Neues, das weder das eine, noch das andere, sondern ein Drittes ist. (Bhabha 2000:326f.; Turner 1989:95-101, 106)
„Unterhaltung (…) ist von Freiheit durchflutet. Unterhaltung beinhaltet zutiefst die Macht des Spiels, und Spiel demokratisiert.“ (Turner 2009:192)
Letztendlich muss also die Demokratie selbst der Spielraum sein! Aber womöglich ist ja genau das der Grund dafür, dass wir in einer post-Demokratie leben – wie einige behaupten –, dass wir immer weniger Spielräume haben: die Schulzeit verkürzt, der Zivildienst abgeschafft, das Studium modularisiert, die Wissenschaft vermarktwirtschaftlicht. Darüber hinaus ist unsere Privatsphäre nicht nur durch soziale Netzwerke und Internetsuchmachinen auf dem Rückzug und in einem nicht unwesentlichen Moment wurden unsere persönlichen Freiheiten im Zuge der "'Anti'-Terror"-Gesetze eingeschränkt:
"Private Autonomie ist ein zentrales Element der bürgerlichen Gesellschaft. Ohne Trennung von Öffentlichem und Privatem ergibt der Begriff der Freiheit keinen Sinn, und ohne Freiheit ist Demokratie nicht denkbar." (H. Welzer; SZ, 103/13, V2/1)
Wollen wir eine altruistische Individualität, Vielfalt und eine Demokratie, die mehr ist als ein reines MehrheitsfeststellungsMONSTER? Dann gebt uns verdammtnochmal mehr Spielräume! Denn fehlende Vielfalt und fehlende Räume sowie die Freiheit diese Vielfalt zu formulieren und zu artikulieren gefährden unsere Demokratie!!