Unsere verschiedenen Wirklichkeitsbereiche – Alltag, Kunst, Religion usw. – sowie deren Geltungsreichweite sind sozial konstruiert. In einem fortwährenden und simultanen Prozess der Dialektik aus Externalisierungen, Objektivationen und Internalisierung, produziert der Mensch seine gesellschaftliche Wirklichkeit, die wiederum auf ihn zurückwirkt.
Der Mensch, in eine bestehende und objektive Wirklichkeit aus legitimierten Institutionen und Rollen hineingeboren, internalisiert das gesellschaftliche Zeichen- und Deutungssystem, in welchem die kulturspezifischen Verhaltens- und Ausdrucksformen sowie die gesellschaftlichen Werte und Normen codiert sind.
Will der Mensch seine subjektiven Erfahrungen zum Ausdruck bringen, fasst und deutet er diese mittels der Konventionen dieses Deutungssystems, die bereits intersubjektiv gedeutete Objektivationen der Wirklichkeit darstellen. In reziproker Spiegelung seiner Erfahrungen mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft, werden seine Erfahrungen intersubjektiv objektiviert und so von seinem Produzenten abstrahiert. Derart losgelöst von der spezifischen Situation und vom konkreten Produzenten, bedürfen diese Objektivationen einer Legitimation. Sind sie dann durch die entsprechenden Institutionen und ihre Rollenträger legitimiert, werden die neuen Objektivationen Teil des gesellschaftlichen Zeichensystems und können von den Mitgliedern der Gesellschaft als neue Bedeutungszusammenhänge internalisiert werden.
Gesellschaftliche Wirklichkeit – also das, was wir als real und bedeutungsvoll wahrnehmen – besteht also nur als fortwährende, dialektische Re-/Produktion durch den Menschen. Geht dieses Bewusstsein verloren – oder entsteht erst gar nicht –, werden sozial konstruierte Bereiche nicht mehr als vom Menschen produziert wahrgenommen, sondern als fremde Faktizität, die außerhalb des menschlichen und gesellschaftlichen Zugriffs liegt:
Der Mensch verdinglicht damit sein Produkt – enthumanisiert es – und vergisst seine eigene Urheberschaft als Produzent der Welt. Der Grat zwischen Objektivation und Verdinglichung ist folglich ein sehr schmaler. Dann verliert der Mensch seinen Zugriff auf sein Produkt und fühlt sich einer außermenschlichen Faktizität gegenüber, die er glaubt nicht beeinflussen zu können.
Hat die Wissenssoziologie recht, dann ist Derartiges mit der Religion geschehen: Ein eigentliches, vom Menschen konstruiertes Produkt aus dialektischen Zuschreibungen verselbständigt sich und wird über die Objektivationen seiner Zuschreibungen zu einem verdinglichten Wirklichkeitsbereich. (Berger/Luckmann 2007; spez. 93ff.,139ff.)
Was hat das zu bedeuten? Außerhalb des Menschen und der Gesellschaft existiert kein ontologischer Wirklichkeitsbereich Religion – und somit auch nichts Göttliches! Dass religiöse Menschen glauben, es gäbe da etwas Göttliches, ist also nur die Folge der Verdinglichung des menschlichen Produkts Religion.