Der Mensch ist fähig, sich aus dem konstanten Strom der unmittelbaren Erfahrung abzulösen und sein rein biologisches Selbst zu überschreiten: erinnert er sich an eine Reise, löst er sich aus der gegenwärtigen Raumzeit und erfährt über sein Erinnerungsvermögen einen entfernten Raum und eine vergangene Zeit; versetzt er sich über die Erzählungen seines Gegenüber in ihn hinein, so überschreitet er sogar sein eigenes, persönliches Selbst.
(Luckmann 1991:85f.)
Überschreiten – trans cedere – transzendieren… Die Fähigkeit, den Menschen zu Erfahrungen der Transzendenz zu führen, das hat vor allen Dingen die Kunst: Im Theater ist man plötzlich im ländlichen Russland des 19. Jahrhunderts – sehen wir Čechovs Die Möwe –; und tun wir dies entweder mit Empathievermögen, dann quälen uns die Spannungen der unerfüllten Sehnsüchte dieser Sommergesellschaft oder mit ironischer Distanz, dann amüsiert uns die sich anödende Gesellschaft. In jedem Falle werden Raum, Zeit und das Selbst derart transzendiert.
Immer noch sind es erst kleine und mittlere Transzendenzen; die jedoch alles andere als Lappalien sind: Auf ihnen gründen wesentliche Prozesse der Identitätskonstruktion und Sozialisation mittels dialektischen Dynamiken von Rollenübernahme und -distanz. Darüber hinaus schaffen sie liminale Sphären – Zwischenbereiche –, die außerhalb der Alltagsstruktur liegen und in denen sich spielerisch neue Erfahrungen sammeln lassen und verschiedene Rollen ausagiert werden können.
(Vom Theater als gesellschaftliche Notwendigkeit)
Doch die Kunst vermag auch die Erfahrung großer Transzendenzen beim Menschen auszulösen – und zwar dann, wenn sie vermittels ihrer symbolischen Darstellungskraft auf eine außeralltägliche Sphäre verweist und derart beim Betrachter einen Bruch im Wahrnehmungskontinuum bewirkt, sodass er aus der alltäglichen Raumzeiterfahrung der lebendigen Gegenwart unsere Nahwelt herausgerissen wird. Durch diesen Erfahrungsbruch öffnet sich eine neue Sphäre der Wirklichkeit – eine Sinnprovinz –, vermittels derer, wegen des veränderten kognitiven Stils, eine Differenz zur Alltagswelt hergestellt wird.
(Vom Kunstwerk als anti-systemische Kraft)
Manche Kunstwerke eröffnen gar – aufgrund eines ihnen innewohnenden Überflusses an Verweismöglichkeiten eines sie selbst überschreitenden Deutungshorizontes, einem geheimen Versprechen auf ein Mehr, einem Surplus an und Verwöhnung mit Bedeutung –... diese Kunstwerke eröffnen gar die Möglichkeit auf eine zweite große Transzendenz. Auf etwas Mehr, dass den Menschen, seine Gesellschaft und Kultur sowie deren gesamte Geschichte übersteigt.
(Erne 2012:12, 22f.)
Diese Weitungserfahrung verweist – hat der deutende Mensch „Sinn und Geschmack fürs Unendliche“ – auf ein Transzendentes, das in einem heiligen Kosmos beheimatet und in einer Heilsgeschichte verflochten ist – darin alle vormals verborgenen, letztgültigen Begründungen nun mehr offen liegen – und worin sich das betrachtende Individuum auflösen kann – in dem es verlöschen und im kosmischen Ganzen aufgehen kann. Eine Erfahrung von Transzendenz, die als religiös bezeichnet werden muss.
Dergestalt kann also der Mensch über einen kultivierten Kunstsinn gar in die Sphäre religiöser Erfahrungen gelangen. Lasst und ganze Staatshaushalte für die Kunst ausgeben!! Kein Cent wäre verschwendet...