24. September 2013

Vom Zwang der neoliberalen Selbstoptimierung

Einstmals durchlief der Mensch im Zyklus seines Lebens verschiedenste biologische Krisen und soziale Übergänge: Geburt, Adoleszenz, Heirat, Initiationen, Tod. In beinahe allen Kulturen werden diese kritischen Übergänge rituell begleitet und die durch diese Brüche frei werdende psycho-soziale Energie kanalisiert. Betrachten wir uns diese Rituale genauer, dann lassen sich oft drei unterschiedliche Phasen erkennen: die Abtrennung vom Alten, eine Angliederung an das Neue und eine sich dazwischen ausdehnende Schwellenphase.

Zwischen der Abtrennungs- und Wiederangliederungsphase – die rituell mit Symbolen des Todes bzw. der (Wieder-)Auferstehung repräsentiert werden, wie bei der Ganzkörpertaufe und der Priesterweihe heute noch auch in unseren Breiten gut zu beobachten ist – liegt also eine Schwellenphasen: Ein liminaler Bereich zwischen dem Alten und dem Neuen.


Die Phase der Liminalität zeichnet sich auch symbolisch in einem „Da-Zwischen“ aus: Die Adepten müssen sich ihrer biologischen und sozialen Marker soweit wie nur irgend möglich entledigen, wodurch sie sozial unsichtbar werden – symbolisch nackt und geschlechtslos sind sie damit für die übrige Gesellschaft unmarkiert und folglich sozialen Restriktionen weitestgehend entnommen. Die Adepten werden dadurch auf eine amorphe Rohmasse zurückgeführt, um sie für den bevorstehenden Lebensabschnitt wesentlich transformieren zu können.


Diese wesentlichen Transformationen in Übergangsritualen werden meist von religiösen Spezialisten der jeweiligen Kultur professionell begleitet, welche die Adepten einmal körperlichen und seelischen Strapazen aussetzen und weiter mit den heiligen Geheimnissen der entsprechenden Kultur in Kontakt bringen. Diese Communication of sacra bewirkt letztlich erst in der Vorstellungswelt der Adepten die Transformation in einen neuen biologischen bzw. sozialen Status.


Aufgrund der Nivellierung biologischer und sozialer Unterschiede während der liminalen Phase, die in manchen Fällen viele Monate andauern kann, sowie den gemeinsam durchlittenen Exerzitien, entsteht oft eine enge Bindung. Diese Communitas zwischen den Adepten, vermag ein ganzes Leben lang zu halten.


Der Ethnologe Victor Turner beschreibt diese Phase der Liminalität auch als Anti-Struktur, womit er nicht zum Ausdruck bringen möchte, dass die Struktur der Liminalität eine bloß entgegen gesetzte Fotonegativstruktur sei. Nein, sondern dass diese Phase, aufgrund der reduzierten bio-sozialen Marker und der dadurch bewirkten temporären Freisetzung des Individuums aus mancherlei sozialen Zwänge, eine Phase enormer Handlungs- und Ausdrucksmöglichkeiten sowie Innovationspotentiale ist.

(Turner 2009; 1989)

Diese Übergangsrituale mit differenzierter und elaborierter Schwellenphasen finden sich verstärkt in wenig arbeitsteilig organisierten Gruppen. Doch die Segmentierung von immer mehr Wissen führt entlang arbeitsteiliger Prozesse zu einer immer rollenspezifischeren Ausdifferenzierung und damit zu immer mehr institutionellen Bereichen. So verlor Religion nach und nach im Verlaufe dieses Prozesses ihre Deutungshoheit über die Welt, den Menschen sowie deren Bedeutung und Beziehung zu einander. Denn in einem institutionell hoch differenzierten Kontext kann sie auf dem umkämpften Feld der Sinnangebote weder ein strukturell zusammenhängendes noch ein inhaltlich allgemein verbindliches Modell einer außeralltäglichen Wirklichkeit durchsetzen.


Die Sozialform der Religion verlagerte sich in der Folge von der Institution ins Private, was das Individuum – derart weitgehend freigesetzt aus institutionellen Engführungen – in den Stand versetzte, seine Sinnangebote frei wählen zu können; ja, regelrecht dazu gezwungen wurde dies zu tun. In dieser prekären Situation mit einer verminderten professionell religiösen Begleitung durch die verschiedenen Lebensphasen und dem Wegbrechen der Communitas in einer fluider werden Gesellschaft, wurde das Individuum zum selbstverantwortlichen Manager seines eigenen Heils.

(Luckmann 1991)

Diese Freiheit pervertierte sich jedoch in durch den Neoliberalismus ökonomisch dominierten Gesellschaften, der dem Individuum den Imperativ der ewigen Selbstoptimierung auferlegt hat und damit auch den Zwang der ewigen Transformation:


"[D]ass man [jetzt sogar] den Körper, auf der Suche nach einem anderen Selbst, wie Rohmaterial für das Schnitzmesser behandelt, das ist relativ neu und gründet vor allem auf den neoliberalen Vorstellungen von Selbstverbesserung."
(Philip Mirowski in: FAS 37/13/51)

Durch die hohe Differenzierung und Pluralität und die damit einhergehende Minderung an Communitas und religiöser Kanalisierung, stellt die Moderne den Rahmen bereit, innerhalb dessen uns die Freiheit und der Neoliberalismus sowohl die strukturelle Möglichkeit geschaffen als auch den Zwang zur ewigen Transformation auferlegt haben: "Better Your Best!"
(ASICS-Werbung)

Es gibt keine distinkten Entwicklungsstadien mehr, sondern nur noch eine ewige Schwellenphase in der Anti-Struktur, der potenten Möglichkeitsstruktur – ein endloser Gebärmutterhals, der uns, ohne dass wir je gewesen sind, immer nur werdend optimierend ins Grab gebiert.
(Von der Angst vor dem Nichts)