30. Mai 2013

Von der Religion als verdinglichtes Produkt des Menschen

Unsere verschiedenen Wirklichkeitsbereiche – Alltag, Kunst, Religion usw. – sowie deren Geltungsreichweite sind sozial konstruiert. In einem fortwährenden und simultanen Prozess der Dialektik aus Externalisierungen, Objektivationen und Internalisierung, produziert der Mensch seine gesellschaftliche Wirklichkeit, die wiederum auf ihn zurückwirkt.

Der Mensch, in eine bestehende und objektive Wirklichkeit aus legitimierten Institutionen und Rollen hineingeboren, internalisiert das gesellschaftliche Zeichen- und Deutungssystem, in welchem die kulturspezifischen Verhaltens- und Ausdrucksformen sowie die gesellschaftlichen Werte und Normen codiert sind.

Will der Mensch seine subjektiven Erfahrungen zum Ausdruck bringen, fasst und deutet er diese mittels der Konventionen dieses Deutungssystems, die bereits intersubjektiv gedeutete Objektivationen der Wirklichkeit darstellen. In reziproker Spiegelung seiner Erfahrungen mit anderen Mitgliedern der Gesellschaft, werden seine Erfahrungen intersubjektiv objektiviert und so von seinem Produzenten abstrahiert. Derart losgelöst von der spezifischen Situation und vom konkreten Produzenten, bedürfen diese Objektivationen einer Legitimation. Sind sie dann durch die entsprechenden Institutionen und ihre Rollenträger legitimiert, werden die neuen Objektivationen Teil des gesellschaftlichen Zeichensystems und können von den Mitgliedern der Gesellschaft als neue Bedeutungszusammenhänge internalisiert werden.

Gesellschaftliche Wirklichkeit – also das, was wir als real und bedeutungsvoll wahrnehmen – besteht also nur als fortwährende, dialektische Re-/Produktion durch den Menschen. Geht dieses Bewusstsein verloren – oder entsteht erst gar nicht –, werden sozial konstruierte Bereiche nicht mehr als vom Menschen produziert wahrgenommen, sondern als fremde Faktizität, die außerhalb des menschlichen und gesellschaftlichen Zugriffs liegt:

Der Mensch verdinglicht damit sein Produkt – enthumanisiert es – und vergisst seine eigene Urheberschaft als Produzent der Welt. Der Grat zwischen Objektivation und Verdinglichung ist folglich ein sehr schmaler. Dann verliert der Mensch seinen Zugriff auf sein Produkt und fühlt sich einer außermenschlichen Faktizität gegenüber, die er glaubt nicht beeinflussen zu können.

Hat die Wissenssoziologie recht, dann ist Derartiges mit der Religion geschehen: Ein eigentliches, vom Menschen konstruiertes Produkt aus dialektischen Zuschreibungen verselbständigt sich und wird über die Objektivationen seiner Zuschreibungen zu einem verdinglichten Wirklichkeitsbereich. (Berger/Luckmann 2007; spez. 93ff.,139ff.)

Was hat das zu bedeuten? Außerhalb des Menschen und der Gesellschaft existiert kein ontologischer Wirklichkeitsbereich Religion – und somit auch nichts Göttliches! Dass religiöse Menschen glauben, es gäbe da etwas Göttliches, ist also nur die Folge der Verdinglichung des menschlichen Produkts Religion.

11. April 2013

Vom Kunstwerk als anti-systemischer Kraft

Systeme sind weniger Komplex als ihre Umwelt, von der sie sich abgrenzen. Dadurch wirken sie komplexitätsreduzierend: das Maß an Kontingenz wird reduziert auf einen für den Menschen fassbaren Grad, sodass ein System orientierend wirkt und dem Menschen eine Richtung geben kann. Dies gelingt, indem ein System Deutungsmuster bereitstellt, mittels dessen sich der Mensch seine Alltagswelt erklärbar machen kann. Das System Religion vollbringt dies auf seine, das System Wissenschaft wie das der Kunst auf je andere Art und Weise. (Luhmann 2009)

Die Kunst, um die es uns hier geht, ist nicht das System „Kunst“, bestehend aus den Kommunikationen der Künstlerinnen, Kunsthändlerinnen, Museumskuratorinnen, Kunsthochschullehrerinnen, kunstinteressierten Laien usw. usf., sondern es geht uns um das Wirken der Kunst: das Kunstwerk.


Selbstredend kann ein Kunstwerk viele Funktionen haben und ich gehe nicht von einem Wesen der Kunst oder eines Kunstwerkes aus. Doch eine deutliche Häufung – jedenfalls was die Funktionen anbelangt – liegt wie folgt: Das Kunstwerk soll durch Irritation Fragen aufwerfen, ohne Antworten vorweg zu nehmen. (FAS 5/13)


Das Kunstwerk aus dieser Perspektive ist eine Bruchstelle im Kontinuum der Alltagswelt, die auf eigentümliche Weise unverständlich ist und uns aus dem konstanten Strom direkter, konkreter Erfahrung herausreißt. Sie reißt uns heraus, da plötzlich das Deutungssystem unserer Alltagswelt als Erklärungsmodell versagt. Wir können auf einmal nicht mehr unser routinemäßiges Rezeptwissen des Alltags, das wir automatisiert verwenden, anwenden, um diesen Bruch zu verstehen. Unsere Sprache hält dann nicht – oder nicht sofort – die passenden sprachlichen Vorfabrikationen bereit, um die subjektive Bruchstellenerfahrung zu objektivieren und somit Konsistenz mit der Alltagswelt herzustellen. (Berger/Luckmann 2007:44ff.)


Das Kunstwerk als Bruchstelle birgt folglich die Potenz der Irritation und trägt somit das Samenkorn der Reflexion, weil es Fragen aufwirft und zum Nachdenken zwingt, da alte Deutungsmuster nicht mehr zur Erklärung herangezogen werden können. Und weiter fordert das Kunstwerk zum Umdenken auf, weil es keine Antworten vorwegnimmt.


Wenn also Systeme durch Kontingenzreduktion orientierend wirken, dann hat das Kunstwerk eine dezidiert anti-systemische Kraft, einen anti-systemischen Mechanismus, der Kontingenz erhöht, weil er den Menschen kurzfristig desorientiert, da gängige Deutungsmuster in Zweifel gezogen und die semantischen Bezugsregeln rekonfiguriert werden müssen.


Die Rekonfiguration von Zeichen- und Deutungssystemen sind Ausdruck gesellschaftlichen Wandels und stehen oft zu Beginn weiterer kultureller Entwicklungen. Damit ist der anti-systemische Mechanismus des Kunstwerks ein wesentliches Moment individueller wie gesamtgesellschaftlicher Reflexion und Innovation.


Daher erfüllen Künstlerinnen eine gesellschaftlich unermessliche Aufgabe. Und es muss unser erklärtes Ziel sein, den Kunstnachwuchs zu fördern und Künstlerinnen zu unterstützen sowie Freiräume zu ihrer kreativen Entfaltung bereit zu stellen.

26. Dezember 2012

Von Spielräumen und Demokratie

Die Demokratie ist kein bloßes Instrumentarium zur Feststellung von Mehrheiten. Wenn sie das wäre, dann wären die ehemalige DDR, Kuba und Nordkorea die erfolgreichsten Demokratien auf unserem Erdball.

Aber Demokratie ist mehr. Hinter diesem Begriff steht ein umfassender Bildungsprozess – ein Urteils-, Haltungs- und Strukturbildungsprozess:

Demokratie meint einen Urteilsbildungsprozess in der Art, dass gegensätzliche Meinungen ausgehandelt werden können. Denn wirkliche Erkenntnis kann ohne eine Gegenmeinung, welche die eigene auf den Prüfstand stellt, nicht statt finden. Und erst in der Vermittlung von Dissens und Alterität kann eine Meinung politisch werden und eine „öffentliche Wahrheit“ widerspiegeln. (Bhabha 2000:35)

Demokratie beinhaltet einen Haltungsbildungsprozess, der die Bürger_innen zur prinzipiellen Offenheit für Vielfalt von Meinungen – vor allem von Minderheiten – und zur Toleranz für alternative Lebens- und Denkweisen bildet.

Demokratie ist ein Strukturbildungsprozess, der die Möglichkeiten und Räume schafft und unterhält, damit einmal demokratische Haltungen entwickelt und weiter diverse Meinung verhandelt werden können.

Demokratie misst sich also daran, in wie weit und wie eine möglichst große Vielfalt an Meinungen in eine urteilsbildende Beziehung zu einander treten können als auch nach ihrer Durchlässigkeit für Meinungen von der Peripherie her.

Aber wie schaffen wir Vielfalt und Durchlässigkeit? Durch Spielräume! Durch Spielräume sowohl für den einzelnen Menschen als auch für die Gesellschaft.

Der einzelne Mensch benötigt zur Formung einer Individualität Spielräume, um zwischen seiner, von der gesellschaftlichen Norm geleiteten Person einerseits und seinem wesentlichen Selbst andererseits ein ausgehandeltes Drittes entstehen lassen zu können: Individualität. Diese Räume sind beispielsweise Spielplätze, Jugendzentren, Sportvereine, Musikschulen, das Freie Soziale Jahr und das Studium.

„Individualität scheint etwas zu sein, daß man erringen muß – und ein Aspekt ihres Erringens ist (…) ‚eine Beurteilung des eigenen Seins in Bezug zu traditionellen oder alternativen Kategorien’.“ (Turner 2009:190)

In diesen Zwischenräumen kann sich der Mensch mit reduzierten sozialen Zwängen spielerisch und frei ausprobieren und neue Formen der Wahrnehmung, des Denkens und Handels entwickeln. Denn hier agiert er – beispielweise im Fußballspiel – mit veränderten Spielregeln (Fußballstatuten) und verminderter sozialer Markierung (uniformierte Mannschaft) in einem anderen gesellschaftlichen Feld (Sportverein).

Die Gesellschaft wiederum benötigt Spielräume, wie die Wissenschaft, die Kunst und das Theater, zur Reflektion und Vermittlung zwischen den realpolitischen Gegebenheiten und staatsutopischen Entwürfen, um ihren Kurs regulieren und korrigieren zu können. (Vom Theater als gesellschaftliche Notwendigkeit)

Spielräume sind die wenigen Felder der Freiheit. Sie formieren einen dritten Raum zwischen der faktischen Realität und den alternativen, ideellen Realitäten mit einer je eigenen, veränderten Struktur. Diese ist eine anti-Struktur, die nicht eine im fototechnischen Sinne negativ-Struktur meint, sondern die einer potentiellen und kontingenten Möglichkeitsstruktur.

Und genau dort – im Da-Zwischen – im Entertainment (entre tenir) / der Unterhaltung –, also zwischen den realen gesellschaftspolitischen Indikativen und den idealtypischen Konjunktiven, werden Möglichkeiten eröffnet, widerstreitende Ansichten derart zu verhandeln, dass in freier und kreativer Weise etwas Neues, Drittes, Einzigartiges entstehen kann. Etwas Neues, das weder das eine, noch das andere, sondern ein Drittes ist. (Bhabha 2000:326f.; Turner 1989:95-101, 106)

„Unterhaltung (…) ist von Freiheit durchflutet. Unterhaltung beinhaltet zutiefst die Macht des Spiels, und Spiel demokratisiert.“ (Turner 2009:192)

Letztendlich muss also die Demokratie selbst der Spielraum sein! Aber womöglich ist ja genau das der Grund dafür, dass wir in einer post-Demokratie leben – wie einige behaupten –, dass wir immer weniger Spielräume haben: die Schulzeit verkürzt, der Zivildienst abgeschafft, das Studium modularisiert, die Wissenschaft vermarktwirtschaftlicht. Darüber hinaus ist unsere Privatsphäre nicht nur durch soziale Netzwerke und Internetsuchmachinen auf dem Rückzug und in einem nicht unwesentlichen Moment wurden unsere persönlichen Freiheiten im Zuge der "'Anti'-Terror"-Gesetze eingeschränkt:

"Private Autonomie ist ein zentrales Element der bürgerlichen Gesellschaft. Ohne Trennung von Öffentlichem und Privatem ergibt der Begriff der Freiheit keinen Sinn, und ohne Freiheit ist Demokratie nicht denkbar." (H. Welzer; SZ, 103/13, V2/1)

Wollen wir eine altruistische Individualität, Vielfalt und eine Demokratie, die mehr ist als ein reines MehrheitsfeststellungsMONSTER? Dann gebt uns verdammtnochmal mehr Spielräume! Denn fehlende Vielfalt und fehlende Räume sowie die Freiheit diese Vielfalt zu formulieren und zu artikulieren gefährden unsere Demokratie!!