19. Juli 2009

Vom freien Willen

Kant definiert den Menschen notwendiger Weise als „frei“, da er ansonsten kein moralisches Wesen sein könne. In vielen Religionen entsteht eine unauflösbare Spannung zwischen der planvollen Vorbestimmung des Weltenverlaufs und des Menschen durch Gott und einem Gericht am Ende der Zeiten, welches über den Menschen und seine Taten befinden soll. Doch warum ein Gericht, wenn dessen Ausgang von Anbeginn her bestimmt ist?

Um uns der Frage nach dem Vorhandensein eines freien Willens zu nähern, scheint es ratsam zunächst die beiden Begriffe zu trennen: Unser „Wille“ bildet sich über ein inneres Wollen, also dem, was man aus sich heraus für notwendig erachtet – zum Vollzug einer Handlung oder zur Formulierung eines Wunschs: Ein aktiv gefasster Entschluss! Frei zu sein heißt, keinen äußeren oder inneren Zwängen oder Einschränkungen zu unterliegen. Alles was uns in unserer Meinungsbildung und -äußerung und unserem Handlungsspielraum einschränkt, macht uns unfrei – nimmt uns die Freiheit.


Ein freier Wille ist dann ein aktiv und bewusst gefasster Entschluss, der unser Wollen zum Ausdruck bringt, ohne von außen oder innen beeinflusst worden zu sein! …in diesem absoluten Sinn muss ich sagen, dass es diesen freien Willen nicht gibt.


Denn „dem bewussten Formulieren eines Wunsches, geht immer ein unbewusster Prozess voraus.“ (Roth im Spiegel 52/04) „Wir tun also nicht was wir wollen, sondern wir wollen was wir tun.“ (Urban 2007:26)

Unser Gehirn konfabuliert aus evolutionären Gründen Kongruenz zwischen unserem Unbewussten, unserer Erwartungshaltung und unserer Entscheidung: Der Mensch empfindet sich als frei, weil er seine Determinanten nicht wahrnimmt. Dabei ist der Mensch auf sehr vielfältige Weise determiniert: Durch seine Kultur, die ihm vorgibt welche Sprache er verwendet und welche Symbole er wie zu deuten hat. Durch seine Rollen, die er in der Familie, unter Freunden und in der Gesellschaft einnimmt, die sich durch ununterbrochene Kommunikationsprozesse permanent aktualisieren und somit selbstbegrenzen, erzeugen und erhalten.

Der Mensch als Individuum und als Teil einer sozialen Gemeinschaft befindet sich in einem selbstorganisierenden Netzwerk, das mit seiner Umwelt auf vielfältige Weise strukturell gekoppelt ist: Lebende Systeme sind für Energie und Informationen nach außen hin offen, doch für deren Verarbeitung nach innen geschlossen. Das heißt, dass der Mensch Informationen von außen empfängt, sie jedoch systemisch selbstregulierend als Individuum neuronal und als Teil einer Gruppe sozial organisiert. Durch diese strukturelle Koppelung an seine Umwelt einerseits und die Selbstorganisation andererseits, ist das Verhalten des Menschen sowohl determiniert als auch frei. (Capra 1996:249f)


Letzten Endes, auch wenn der Mensch durch seine Vita und seine Umwelt determiniert ist, ist es doch des Menschen eigenes – wenn auch hauptsächlich unbewusstes – Wollen, das durch die Eigenschaft der Nichtlinearität von Netzwerken nicht vorhersagbar ist.

14. Juli 2009

Vom entschwindenden Horizont

Ein Maß der Zeit ist die Emergenz von Komplexität und „das Universum unterliegt einem dynamischen Prinzip, nachdem es sich so entwickelt, daß es seine Komplexität maximiert.“ (Eisenhardt 2006:315)

Es ist nur ein vages Gefühl, doch die Suche der Wissenschaft ins Subatomare einerseits und ins Multidimensionale andererseits, findet immer komplexere Eigenschaften unserer Lebenswelt – oder erfindet sie sie gar erst, wie der Physiker die Eigenschaften der subatomaren Teilchen bei seiner Beobachtung beeinflusst?
 
(Chown 2005:58ff)

Es ist wie die Reise in immer kleinere Teilbereiche der Mandelbrotmenge, einer fraktalen, nicht vorhersagbaren, immer neuen und unendlich faszinierenden Geometrie…


Deckt die Wissenschaft also diese seit Anbeginn der Zeiten bestehenden, bei genauerem Hinsehen immer komplexer werdenen Eigenschaften lediglich auf, oder ist das Treiben der Wissenschaft und des Menschen im Allgemeinen sogar kreativer Teil dieser Verkomplexifizierung unserer Lebenswelt? Mitbestimmen wir also durch unser kreatives Treiben den Zeitfluss und war somit die Welt früher in der Tat „einfacher“? Hechelt der Mensch in seinem Erklärungsenthusiasmus der Aufdeckung von Komplexität, dieser selbst verursachten Verkomplexifizierung, auf ewig hinterher?


Zeit und Wissen scheinen wie ein entschwindender Horizont zu sein, der sich exponentiell, mit jeder Antwort neue Fragen aufwerfend, von uns entfernt und uns freudig bedrückt hinter sich lässt.

Die Prominenz des Unwissens und der vergehenden Zeit, ist – wenn sie nicht so erdrückend wären – beinahe ebenso faszinierend wie das Wissen und eine glücklich verlebte Stunde selbst.