1. September 2009

Von der Tiefenökologie

Die dramatischen Entdeckungen der Physik des beginnenden 20. Jahrhunderts – das Plancksche Wirkungsquantum, die Doppelnatur des Lichtes, die Heisenbergsche Unschärferelation, die Relativitätstheorien – führten zu einer Umwertung aller Werte, da keine eindeutigen Ergebnisse mehr für ein Problem zu erhalten waren: das Stetige wurde Unstetiges, das Eindeutige wurde Doppeldeutiges, das Bestimmte wurde Unbestimmtes und das Absolute wurde Relatives. (Fischer 2005:163ff)

Die Lösung dieses Dramas lag in einem veränderten Blickwinkel, der vom immer weiteren Zerteilen des Forschungsgegenstandes wieder zurück tritt und mit einer veränderten Begriffsapparatur dem Ganzen eine neue Bedeutung zugestand. Denn zerlegt man ein System in seine Einzelteile, zerstört man die Eigenschaften des Systems, welche die einzelnen Teile erst in ihrem netzwerkartigen Zusammenspiel verwirklichen.


Daraus entwickelte sich über die Dekaden ein Systemdenken in allen Wissenschaftsbereichen – auch wenn es nicht deren Hauptströmungen waren: Systeme sind nicht linear beschreibbare Netzwerke, deren einzelne Teile auf 4-dimensionale Weise miteinander in Verbindung stehen und sich durch Rückkopplungsschleifen (Feedback) selbst regulieren. Diese Selbstregulierung wird bestimmt durch das dem System immanente Organisationsmuster (Software), welches sich in der physischen Struktur (Hardware) des Systems verkörpert – eben im Prozess der Selbstorganisation, der Autopoiese! Während des autopoietischen Prozesses sind alle Untereinheiten des Systems daran beteiligt die Grenzen des Systems zu etablieren, neue Untereinheiten des Systems zu erzeugen, alte Untereinheiten des Systems zu transformieren und damit insgesamt das Organisationsmuster aufrecht zu erhalten. (Capra 1996:181-202)


Nun ist aber auch festzustellen, dass eine Vielzahl von Systemen, also nicht linearen und autopoietischen Netzwerken, nebeneinander und ineinander existiert: „Systems nesting within systems“. Das bedeutet, dass unsere Lebensumwelt ein Ökosystem bildet, in dem sich beispielsweise Gesellschaftssysteme befinden, welche durch Individuen etabliert werden, deren Körper aus beispielsweise dem Immunsystem, Nervensystem, Verdauungssystem etc. bestehen, worin sich wiederum andere Systeme auf mikroskopischer und molekularer Ebene befinden.

Alle diese Netzwerke stehen auf vielfältige und vielschichtige Weise miteinander in Verbindung und sind strukturell an ihre Umwelt gekoppelt. Diese strukturelle Koppelung besteht durch die Interaktion der einzelnen Systeme mit anderen Systemen, durch welche sie Energie oder Informationen austauschen, wodurch wiederum strukturelle Veränderungen ausgelöst werden. Diese Veränderungen werden aber nur ausgelöst und nicht bestimmt: Gesteuert werden die Veränderungen des Systems autonom durch dessen Organisationsmuster, die im Prozess der Autopoiese verwirklicht werden. Denn lebende Systeme sind zwar energetisch nach außen hin offen, jedoch organisatorisch nach innen hin geschlossen. Das heißt, dass Energie oder Information einem System von außen eingegeben werden, diese externen Impulse jedoch autonom im Prozess der Selbstorganisation in Rückkopplungsschleifen verarbeitet werden.


Das sich Bewusstwerden, dass Systeme in Systemen nisten und alle Einheiten eines Systems miteinander zusammenhängen und alle Systeme miteinander strukturell gekoppelt sind, führt zu einer Sichtweise, die tiefenökologisch genannt wird. Aus diesem Bewusstsein heraus lässt sich vielleicht nicht logisch, so doch zumindest psychologisch ein ethisches Verhalten ableiten: Da unser Handeln und Unterlassen Auswirkungen innerhalb unseres Systems und durch die strukturelle Koppelung auch mit anderen Systemen hat, ergibt sich zwangsläufig eine Sensibilität und Weitsichtigkeit für unser Handeln, sowie ein Schutzempfinden für unser Lebensumfeld.

4 Kommentare:

  1. heee, wo sind die fotos in der navi-leiste hin? ich vermisse die!

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  2. die sind jetzt bei den dazugehörigen posts! aber ich plane einen eintrag mit starker medienunterstützung über die hierarchischen schichten des lebens. dort findest du sie dann auch wieder.

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  3. mhmm, die bilder den posts zuordnen schließt ja nicht aus, sie in der navi-bar drin zu lassen. ich fand die schön. und sie waren deinem blog eine echte zier... neben den texten natürlich.

    deshalb, also aus fast rein ästhetischen gründen, fordere ich, die fotos wieder in die navi-bar zu stellen.

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  4. ich bin gegen diesen Vorschlag

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