3. September 2010

Von der Konstruktion von Wirklichkeiten

"Ich sehe was, was Du nicht siehst!" Dieses bezaubernde Kinderspiel, das die meisten von uns in ihrer Kindheit gespielt haben, erhält im Hinblick auf aktuelle Forschungsfragen einen ambivalenten Beigeschmack: Fakt, Wahrheit, Realität und die gesamte Vielfalt der mit ihnen verwandten Worte sind Begriffe, die seit Jahrzehnten ihre fundamentale Bedeutung in der wissenschaftlichen Beschreibung unserer Lebenswelt verloren haben! Warum?

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts, angestoßen durch die Quantenmechanik in der Beschreibung der Doppelnatur des Lichts und die Entdeckung des Planckschen Wirkungsquantum, wurde deutlich, dass sich am Fundament unserer Welt nichts Stabiles und Stetes, sondern nur Wahrscheinliches und Unstetes befindet, das sich nicht mit Sicherheit und diskreten Begriffen beschreiben lässt.

Doch hier befinden wir uns ja in der subatomaren Ebene, die mit unserer konkreten Lebenswelt nichts zu tun hat – mag da einer sagen. Dann überspringen wir ein paar Ebenen mit ihren emergenten Eigenschaften und wenden uns dem Menschen und seiner direkten Lebenswelt zu:

Aus systemtheoretischer und kybernetischer Sicht wird deutlich, dass ein System immer weniger komplex ist als seine Umwelt: Der Staat ist weniger Komplex als die Vereinten Nationen, die Institution Kirche weniger als der Staat und so weiter.
Durch seine geringere Komplexität kann das System Mensch nicht für jedes Element in seiner Umwelt einen Anknüpfungspunkt entwickeln, da er sich sonst nicht von seiner Umwelt unterscheiden würde und sich in ihr auflösen müsste:

Eine Zelle grenzt sich durch ihre Membran von ihrer Umwelt ab, um ihren Organellen einen selbst reproduzierenden Prozess zu gewährleisten. Durch die hoch spezialisierte Zellmembran werden nur ganz bestimmte Stoffe in genauen Dosen hindurch gelassen, um den internen Prozess zu unterstützen. Gäbe es keine Zellmembran, dann würde sich die Zelle in seiner Umwelt auflösen; gibt es aber eine, dann muss das weniger komplexe System sich spezialisieren. (Vgl. Luhmann 2009:121f.; Maturana [u.a.] 2009:31ff.; Fischer 2006:197f.)

Aus diesem Grund muss das kognitive System Mensch Informationen aus seiner Umwelt bündeln, was heißt, dass es ein und dieselbe Stelle an seiner Systemgrenze für unterschiedliche Reize verwenden muss, die es folglich nicht differenzieren kann. Die fehlenden Informationen, also diejenigen, welche die Systemgrenze Mensch aufgrund der notwendigen kognitiven Spezialisierung nicht durchdringen konnten, werden auf verschiedenen Prozessebenen innerhalb des Gehirns in rekursiver Art errechnet und interpretiert – also konstruiert:

Sinneswahrnehmungen "sind alle 'blind', was die Qualität ihrer Stimuli angeht, und reagieren nur auf Quantität. (...) 'da draußen' gibt es nämlich in der Tat weder Licht noch Farben, sondern lediglich elektromagnetische Wellen; 'da draußen' gibt es weder Klänge noch Musik, sondern lediglich Druckwellen der Luft; 'da draußen' gibt es keine Wärme und keine Kälte, sondern nur bewegte Moleküle mit größerer oder geringerer durchschnittlicher kinetischer Energie usw. Und schließlich gibt es 'da draußen' sicherlich keinen Schmerz." (Foerster 1993:31)

Unsere Lebenswelt verliert also bereits auf dem Weg durch unsere beschränkten kognitiven Kanäle ein gravierendes Maß an Information, die unser Gehirn konfabulieren muss; und zwar so authentisch, dass wir gar nicht bemerken, dass wir nicht sehen, was wir nicht sehen.

Damit aber nicht genug! Nun gehen wir als Forscher in eine Welt, die wir nur rudimentär und hochgerechnet wahrnehmen, und wollen Menschen, Gesellschaften, Ökosysteme beschreiben:

Um aber überhaupt etwas "sehen" zu können, brauchen wir Hypothesen, die wir an die Welt richten. Aus diesen Hypothesen leiten wir – wenn sie sich durch Induktion und Deduktion und im wissenschaftlichen Diskurs bewährt haben – Paradigmen ab, die wir als Schablone an die Welt anlegen und wiederum bewirken, dass wir nur das "sehen", was wir mit diesem Paradigma "sehen" können. Dies wird daran deutlich, dass wissenschaftliche Revolutionen oft mit Paradigmenwechseln Hand in Hand gehen, die die gesamte Wahrnehmung der Forscher verändert und gleichsam unseren Ausschnitt von der "Wirklichkeit". (Kuhn 1973)

Nachdem nun also eine bloß hochgerechnete Welt in unseren Kopf, unsere lediglich konstruierte Hypothese auf die Welt und deren Reflektion auf unsere Notizblöcke gelangt ist, sitzen wir an unseren Schreibtischen und werten unser Material aus; ein Material, das häufig von unseren sogenannten Informanten stammt und somit eine Beobachtung zweiter oder n-ter Beobachtung ist, die wir wiederum nach unseren Mustern ordnen, interpretieren und deuten. Dadurch entsteht eine recht fiktive Geschichte, durch die wir eine "fremde Welt" quasi erfinden. (Geertz 1999:22f.)

"Das Problem liegt darin, (...) daß der Beobachter nicht sieht, daß er nicht sieht, was er nicht sieht." (Foerster 1993:19)

2. April 2010

Von der Kultur als emergente Eigenschaft

Ich hatte die Tage einen dieser seltenen und erinnerungswürdigen Momente, in denen das Einbrechen von Verstehen plötzlich heitere Klarheit schafft. Wenn man lange über einem Problem grübelt und zu keinem Schluss kommt, es in den Hintergrund tritt, unterbewusst aber weiter arbeitet und Tage oder Wochen später sich mit einem Paukenschlag die Spannung und mit ihr auch das Problem löst.

Allein für einen einzigen solcher Momente lohnt sich lebenslanges forschendes Suchen!

Woraus entstand das Problem? Nun, die lebende Welt ist hierarchisch aufgebaut und der Komplexitätsgrad lebender Systeme steigt von Stufe zu Stufe. Auf jeder neuen Komplexitätsstufe treten Eigenschaften auf, die auf der nächst weniger komplexen Stufe noch nicht sichtbar, nur angelegt und nicht vorhersagbar waren. Erst auf einem höheren Komplexitätsgrad verwirklichen sich diese Anlagen und treten als so genannte „emergente Eigenschaften“ auf. (Fischer 2005:216ff. Blogeintrag Von der Tiefenökologie)

Die emergente Eigenschaft einer Zelle ist das Leben selbst; die emergente Eigenschaft des Gehirns ist Geist. Damit ist der Mensch von seiner kleinsten selbstorganisierenden Einheit bis zu seiner komplexesten eingerahmt. Doch müssen wir feststellen, dass Systeme in Systemen nisten und mit dem komplexesten, was die Natur hervorgebracht hat, eben dem Gehirn, nicht Schluss ist: die Zelle nistet im Organ, das Organ im Menschen, der Mensch in der Gesellschaft, die Gesellschaft im Ökosystem.

Was war nun das Problem? Wenn das Gehirn das komplexeste System ist und die emergente Eigenschaft des Gehirns Geist ist, was ist dann die emergente Eigenschaft der Gesellschaft?

Die Antwort scheint auf den ersten Blick simpel: Kultur! Doch so schlicht wie schön diese Antwort im ersten Moment auch sein mag, sie ist trügerisch. Denn wir dürfen die emergente Eigenschaft Kultur – wie alle anderen emergenten Eigenschaften – nicht als festen, statischen und monolithischen Block sehen. Kultur ist keine gegebene Größe mit festen Bedeutungen – auch wenn es uns oberflächlich so erscheinen mag. Kultur ist etwas Fluides und im steten Wandel Begriffenes. Es ist kein abstraktes Konzept in den Köpfen ihrer Partizipienten, sondern wird in den Akten der interpersonellen und systemischen Kommunikation geschaffen und stetig verändert. Kultur ist das sicht stets verändernde Produkt selbstorganisierender Prozesse des lebenden Systems Gesellschaft.
„Traditions are like building sites, under constant construction or reconstruction, whether the individuals and groups who participate in those traditions realize this or not.“ (Burke 2009:103)

Als Beispiel dienen hierfür zwei Wörterbücher aus unterschiedlichen Epochen: Die Wörterbücher für sich genommen und die jeweiligen Bedeutungen der einzelnen Wörter scheinen fest und starr zu sein, keinerlei Wandlungsprozessen unterworfen. Doch stellt man dann gleiche Worte unterschiedlicher Epochen nebeneinander, sieht man häufig Bedeutungsverschiebungen, die im Laufe der Zeiten unvermeidbar auftreten: Beispielsweise dekontextualisieren jugendliche Subkulturen einzelne Worte der Hochsprache und geben ihnen einen neuen Bedeutungshorizont, wie „geil“ oder „heftig“. (Blogeintrag Von der Macht der Sprache)
Somit ist Kultur im semiotischen Sinne ein Ineinander-Greifen von Systemen auslegbarer Zeichen. Ein durch die Menschen selbst gesponnenes Bedeutungsgewebe, das nicht ist, sondern immer nur wird. Es ist nicht in dem Sinne, dass es aus festen Bedeutungen, gegebenen Institutionen, vorgeschriebenen Verhaltensweisen besteht, sondern dass die Bedeutungen, die Vernetzung der Institutionen, die Kodifizierung der Verhaltensweisen im sozialen Diskurs ihrer Partizipienten – also durch die Bedeutung der symbolischen Handlungen – stetig aktualisiert und modifiziert werden. Kultur ist nicht, sondern ist im steten Werden begriffen. (Geertz 1999:16, 21, 26ff.)

27. März 2010

Von der Wissenschaft als Kunst

Wir lassen uns morgens mit den Radionachrichten wecken, lesen während des Frühstücks die Tageszeitung, laden die neusten Podcasts auf unseren MP3-Player für unterwegs, in der Freizeit lesen wir populärwissenschaftliche Literatur und abends schauen wir Dokumentationen per video-on-demand – kurz: Wir unternehmen alles, um dem notwendigen Informationsstand hinterher zu hetzen. Doch wir sind einer Datenflut ausgeliefert, der wir nicht mehr Herr werden!

Die immer weiter fortschreitende Differenzierung der Disziplinen in immer tiefer spezialisierte Teildisziplinen, deren Ergebnisse für den Laien genauso speziell wie dekontextualisiert sind, berauben die breite Öffentlichkeit ihrer Mündigkeit an allen gesellschaftlichen Diskursen kompetent teilnehmen und fundiert Entscheidungen treffen zu können. Grund für diese Misere ist die seit Descartes entstandene und durchaus sehr erfolgreiche Wissenschaftstradition des Reduktionismus.

Anfänglich glaubten die Wissenschaftler Systeme durch ihre Teile erklären zu können. Die Cybernetik und die Systemtheorie lebender Systeme konnte dies im vergangenen Jahrhundert eindrucksvoll widerlegen. Im Fortschreitenden Prozess des Reduktionismus haben die Forscher schließlich einmal den Blick für das Ganze verloren und das andere Mal die Notwendigkeit vernachlässig ihre Ergebnisse einer möglichst breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.


Um diesem Missstand entgegen zu wirken, werden immer häufiger Stimmen laut, die dem kreativen und synthetischen Moment mehr Raum in der analytischen Wissenschaft einräumen wollen: Wissenschaft muss als Kunst betrieben werden! Denn die Kunst hat die Tendenz zum Ganzen – die Welt ganzheitlich zu erfassen – und ist somit quasi der Gegenentwurf zum Reduktionismus und zudem auf eine synthetisch-voranalytische Art dem Menschen verständlich.


Doch wie kann dieser Anspruch in didaktisch sinnvoller Weise umgesetzt werden? Wie kann es gelingen, dass sich für musikalisch Unbegabte hinter einem Notenblatt beim ersten Blick eine wunderbare Welt der Klänge eröffnet? Oder dass sich für mathematisch Unbegabte hinter einer Formel beim ersten Blick ein unendlicher Kosmos aus geometrischen Formen eröffnet? Oder dass sich für kulturhistorisch Unbegabte beim ersten Anblick des tanzenden Shiva die Kosmologie des indischen Subkontinents entfaltet?


Versuche aus dem anglophonen Bereich wie die Popularisierung wissenschaftlicher Literatur – in Deutschland für Wissenschaftler bedauerlicherweise immer noch ein oft gemiedenes Terrain – oder Infotainment können dem eigentlichen Bedürfnis der Informationsvermittlung jetzt schon nicht Rechnung tragen und waren bei ihrer Entstehung bereits veraltet.
Nein! Es muss eine Disziplin entstehen, die wissenschaftliche Ergebnisse übersetzt: Dies wird die Aufgabe einer ästhetisch-didaktisch orientierten Kunst, die es noch zu etablieren gilt, sowie einer ästhetisch orientierten Didaktik sein, die uns lehren werden die Wissenschaft und ihre Symbole auf voranalytische und ganzheitliche Weise zu verstehen. Bereits melden sich renommierte Wissenschaftler zu Wort, die diesen Weg propagieren:

In der Geschichtswissenschaft fordert der Kulturhistoriker Peter Burke die Erkenntnisse seiner Disziplin auch als Geschichte zu erzählen, was Reza Aslan mit seiner Geschichte des Islams „Kein Gott außer Gott“ ganz wunderbar gelingt.

Im Bereich der Naturwissenschaften fordert der Wissenschaftshistoriker Ernst Peter Fischer, dass Atome oder die DNA-Doppelhelix als Symbole wahrzunehmen sind, die der sichtbare Ausdruck für eine dahinter liegende und sich in Wechselwirkung befindliche Welt von Beziehungen sind.

Der Philosoph Michael Schmidt-Salomon versucht die wissenschaftlichen Erkenntnisse seiner Interessensgebiete in poetischer Form zu vermitteln, indem er Romane schreibt wie „Stollbergs Inferno“, oder Kinderbücher wie „Wo bitte geht's zu Gott?, fragte das kleine Ferkel“ verfasst.


Eine in meinen Augen sehr viel versprechende Möglichkeit liefert der Autor und Designer David McCandless, der versucht durch ästhetische Visualisierung der Daten der überbordenden Informationsflut Herr zu werden und den Fakten das eigentlich Bedeutungsvolle zu entlocken: ihre Zusammenhänge und Beziehungen. Seine Maxime und der Titel seines letzten Buches: „Information is Beautiful“.


Wie immer auch diese Lösungen aussehen werden, sie müssen ästhetisch ansprechend sein und die Schönheit und das Bezaubernde hinter dem bloßen Faktum verdeutlichen, sowie die Beziehungen der bloßen Information im ganzheitlichen Zusammenhang erkennbar machen.

Dies ist der Anfang einer neuen Wissenschaftstradition!

8. Januar 2010

Von der Macht der Sprache

In der Bahn rief mir ein Anhänger der „Ultras Frankfurt“ einen Leitgedanken des Humanismus ins Gedächtnis: Die alleinige Auseinandersetzung mit den klassischen Sprachen habe einen humanisierenden Effekt auf den Adepten, der ihn zivilisiere.

Der telefonierende Fußballfan kam gerade aus Hannover von der Beisetzung Robert Enkes und konnte seiner Gesprächspartnerin lediglich mitteilen, dass dieses Erlebnis „heftig“ gewesen sei. Kein anderes Adjektiv kam über seine Lippen, dass seine Gefühlswelt näher hätte qualifiziert können!

Zwar vermochte er mittels Intonation, Repositionierung und Doppelung des Wortes „heftig“ gewisse Gefühlsnuancen zu unterscheiden, welche die Mitglieder seiner „Peergroupe“ mit hoher Wahrscheinlichkeit decodieren können. Doch wirkte er mit sich und seiner Gefühlswelt alleine und irgendwie hilflos, weil er sich nicht mitteilen konnte.


Und steckt nicht gerade in diesem sich Mitteilen, dem Hervorbringen seiner Innenwelt in Sprache, das Durchbrechen der Subjektivität zu einer Intersubjetivität - einer Vorform und die einzige uns zugängliche Art der Realität?


Unausgesprochen vermag die Sprache zuerst die Amorphität unserer äußeren und inneren Lebenswelt – so auch der Gefühle – zu kategorisieren und systematisieren, indem sie ihr Form verleiht, wodurch sie letztendlich be-greifbar wird. Und ausgesprochen wird das Gefühl Teil der materiellen Welt und kann mitgeteilt und somit mit anderen geteilt werden.


Ist es also nicht die Sprache, die durch ihre materialisierende und realisierende Macht unsere Lebenswelt erst hervorbringt und wirklich werden lässt?