26. Dezember 2012

Von Spielräumen und Demokratie

Die Demokratie ist kein bloßes Instrumentarium zur Feststellung von Mehrheiten. Wenn sie das wäre, dann wären die ehemalige DDR, Kuba und Nordkorea die erfolgreichsten Demokratien auf unserem Erdball.

Aber Demokratie ist mehr. Hinter diesem Begriff steht ein umfassender Bildungsprozess – ein Urteils-, Haltungs- und Strukturbildungsprozess:

Demokratie meint einen Urteilsbildungsprozess in der Art, dass gegensätzliche Meinungen ausgehandelt werden können. Denn wirkliche Erkenntnis kann ohne eine Gegenmeinung, welche die eigene auf den Prüfstand stellt, nicht statt finden. Und erst in der Vermittlung von Dissens und Alterität kann eine Meinung politisch werden und eine „öffentliche Wahrheit“ widerspiegeln. (Bhabha 2000:35)

Demokratie beinhaltet einen Haltungsbildungsprozess, der die Bürger_innen zur prinzipiellen Offenheit für Vielfalt von Meinungen – vor allem von Minderheiten – und zur Toleranz für alternative Lebens- und Denkweisen bildet.

Demokratie ist ein Strukturbildungsprozess, der die Möglichkeiten und Räume schafft und unterhält, damit einmal demokratische Haltungen entwickelt und weiter diverse Meinung verhandelt werden können.

Demokratie misst sich also daran, in wie weit und wie eine möglichst große Vielfalt an Meinungen in eine urteilsbildende Beziehung zu einander treten können als auch nach ihrer Durchlässigkeit für Meinungen von der Peripherie her.

Aber wie schaffen wir Vielfalt und Durchlässigkeit? Durch Spielräume! Durch Spielräume sowohl für den einzelnen Menschen als auch für die Gesellschaft.

Der einzelne Mensch benötigt zur Formung einer Individualität Spielräume, um zwischen seiner, von der gesellschaftlichen Norm geleiteten Person einerseits und seinem wesentlichen Selbst andererseits ein ausgehandeltes Drittes entstehen lassen zu können: Individualität. Diese Räume sind beispielsweise Spielplätze, Jugendzentren, Sportvereine, Musikschulen, das Freie Soziale Jahr und das Studium.

„Individualität scheint etwas zu sein, daß man erringen muß – und ein Aspekt ihres Erringens ist (…) ‚eine Beurteilung des eigenen Seins in Bezug zu traditionellen oder alternativen Kategorien’.“ (Turner 2009:190)

In diesen Zwischenräumen kann sich der Mensch mit reduzierten sozialen Zwängen spielerisch und frei ausprobieren und neue Formen der Wahrnehmung, des Denkens und Handels entwickeln. Denn hier agiert er – beispielweise im Fußballspiel – mit veränderten Spielregeln (Fußballstatuten) und verminderter sozialer Markierung (uniformierte Mannschaft) in einem anderen gesellschaftlichen Feld (Sportverein).

Die Gesellschaft wiederum benötigt Spielräume, wie die Wissenschaft, die Kunst und das Theater, zur Reflektion und Vermittlung zwischen den realpolitischen Gegebenheiten und staatsutopischen Entwürfen, um ihren Kurs regulieren und korrigieren zu können. (Vom Theater als gesellschaftliche Notwendigkeit)

Spielräume sind die wenigen Felder der Freiheit. Sie formieren einen dritten Raum zwischen der faktischen Realität und den alternativen, ideellen Realitäten mit einer je eigenen, veränderten Struktur. Diese ist eine anti-Struktur, die nicht eine im fototechnischen Sinne negativ-Struktur meint, sondern die einer potentiellen und kontingenten Möglichkeitsstruktur.

Und genau dort – im Da-Zwischen – im Entertainment (entre tenir) / der Unterhaltung –, also zwischen den realen gesellschaftspolitischen Indikativen und den idealtypischen Konjunktiven, werden Möglichkeiten eröffnet, widerstreitende Ansichten derart zu verhandeln, dass in freier und kreativer Weise etwas Neues, Drittes, Einzigartiges entstehen kann. Etwas Neues, das weder das eine, noch das andere, sondern ein Drittes ist. (Bhabha 2000:326f.; Turner 1989:95-101, 106)

„Unterhaltung (…) ist von Freiheit durchflutet. Unterhaltung beinhaltet zutiefst die Macht des Spiels, und Spiel demokratisiert.“ (Turner 2009:192)

Letztendlich muss also die Demokratie selbst der Spielraum sein! Aber womöglich ist ja genau das der Grund dafür, dass wir in einer post-Demokratie leben – wie einige behaupten –, dass wir immer weniger Spielräume haben: die Schulzeit verkürzt, der Zivildienst abgeschafft, das Studium modularisiert, die Wissenschaft vermarktwirtschaftlicht. Darüber hinaus ist unsere Privatsphäre nicht nur durch soziale Netzwerke und Internetsuchmachinen auf dem Rückzug und in einem nicht unwesentlichen Moment wurden unsere persönlichen Freiheiten im Zuge der "'Anti'-Terror"-Gesetze eingeschränkt:

"Private Autonomie ist ein zentrales Element der bürgerlichen Gesellschaft. Ohne Trennung von Öffentlichem und Privatem ergibt der Begriff der Freiheit keinen Sinn, und ohne Freiheit ist Demokratie nicht denkbar." (H. Welzer; SZ, 103/13, V2/1)

Wollen wir eine altruistische Individualität, Vielfalt und eine Demokratie, die mehr ist als ein reines MehrheitsfeststellungsMONSTER? Dann gebt uns verdammtnochmal mehr Spielräume! Denn fehlende Vielfalt und fehlende Räume sowie die Freiheit diese Vielfalt zu formulieren und zu artikulieren gefährden unsere Demokratie!!

11. November 2012

Von der Notwendigkeit einer Satyre

Welch wundersame Vorstellung: mit einem Satireprogramm durch Deutschland und die deutschsprachigen Gebiete touren! Könnte es etwas Schöneres geben, als mit geistreichem Humor – gerne auch mal weniger geistreich – aufzuklären? Missstände anprangend, den Zeigefinger hebend, das Auge zwinkernd… und die Welt vor dem Abgrund bewahrend!?!

Doch, mit der Weltrettung ist das ja – wie wir Helden wissen – immer so eine Sache; da wollen nicht immer alle so mit machen. Und man selbst… puhh, das ist auf Dauer selbstredend auch anstrengend.

Außerdem, wer kommt denn schon in die Kabaretthäuser – da lassen sich ja höchstens offene Türen einrennen. Zudem ist das Publikum recht arriviert, lacht sich nur den latenten Frust von der Seele – in der Pause wird das im Halse stecken gebliebene Lachen mit teurer Brause gelöst – und therapeutisch entlastet gehen wir alle wieder folgsam zur Arbeit. Die NiedriglohnarbeiterInnen sieht man selten im Kabarett, weil diese weder die Zeit noch das Geld haben, die überhöhten Eintrittspreise zu bezahlen. Und mal ehrlich: Man ist ja gerne unter sich, nicht wahr?

Tatsächlich erschien und erscheint mir das Kabarett dennoch als lustvoller Gegenentwurf, ja: Traum, zu meinem wissenschaftlichen Treiben. Doch: Allem Anschein nach ist die Satire eine konservative Gattung – und ich als Linker, ich geh doch nicht mit einer Spießerin ins Bett!! Also, nur im übertragenen Sinne – ansonsten natürlich jeder Zeit! Wie gesagt, für die Weltrettung, da tue ich so einiges.

Aber was macht das Konservative der Satire aus? Nun, womöglich liegt es daran, dass die Satire als Bezugsrahmen für ihren Spott und Hohn und ihre Kritik, die Werte und Normen des normativen Kosmos der konventionellen Sozialstruktur hat. Somit wirkt die Satire als Spiegelbild und bestätigt auf inverse Art das bestehende System – und macht es durch ihre, den Frust lösende Art auch noch erträglich. (Turner 2009:62, 82)

Hmm…, dann bleibt wohl alles beim Alten. Die Welt bleibt ungerettet – nach Pollesch ist sie (bzw. die Menschen) ja schon gut genug! Ich träume weiter von einem biographischen Gegenentwurf. Einige Privilegierte entlasten sich lachend – ich mitten drin! – und die NiedriglohnarbeiterInnen gehen weiter zur Arbeit – die brauchen keine Satire, damit ihnen das Lachen im Halse stecken bleibt.

Naja, Welt nicht gerettet, so doch wenigstens bestätigt! Für einen Sonntag ist das auch schon einmal was. Oder findet sich doch eine Möglichkeit das Konservative der Satire abzustreifen?

Vielleicht den Satyrn zum Sinnbild nehmend? Dieses groteske Wesen – Glatze, PferdeOhren, TierExtremitäten, RiesenPenis –, das als Anhänger des Dionysos’ in den Mythen und im Satyrspiel durch seine extrem übersteigerte Darstellung symbolisch kodifiziert den Gegenpol zu den Werten der Polisbürger verkörpert.

So kann womöglich aus einer spiegelbildlichen Bestätigung des normativen Bezugrahmens ein Zerrspiegel werden, der die Form bricht und den Rahmen S P R E N G T!

Eine Gattung, die Uns aus den Übereinkünften des Alltäglichen mit übermenschlicher WUCHT  herausreißt und zu neuen Gedankenspielen zwingt, weil alles kopfsteht. Und die durch den Bruch notwendiger Weise auftretende emotionale Färbung verstärkt dieses Erlebnis und bekräftigt die neu gewonnen Vorstellungen – eine wahrlich bizarre Satyre!

29. Oktober 2012

Vom Theater als gesellschaftliche Notwendigkeit

Soziale Dramen ereignen sich spontan. Ihnen voraus geht die öffentlich gewordene Verletzung einer Regel:

Ist eine Regel erst gebrochen, dann setzen sozial legitimierte Regelhüter wie Staatsanwälte, Divinatoren, Sportfunktionäre odervieleweiteremehr Mechanismen in Gang, um den status quo ante wieder herzustellen. Je nach Gesellschaft und vorhandenen beziehungsweise präferierten Institutionen spielen sich die sozialen Dramen dann als Gerichtsverhandlung, Divination, Sportwettkampf, Politveranstaltung oderähnliches ab und offenbaren "'subkutane' Ebenen der Sozialstruktur". (Turner 2009:13)


Diese sozialen Dramen sind cultural performances – Bewältigungsstrategien für soziopolitische Krisensituationen –, die je eigene Ziele verfolgen: Der Gerichtsverhandlung geht es um die Feststellung von Un-/schuld, der Divination um die Minimierung von Kontingenz, dem Sportwettkampf um die Feststellung von Siegern und Verlieren undsoweiter.


Allen gemeinsam ist ihnen jedoch, dass den Feststellungen eine je spezifische Phase der Liminalität voraus geht; das heißt: eine Schwellenphase – außerhalb der normalen Zeit und des alltäglichen Raums –, in der das soziale Drama aufgeführt wird.


Die Phase der Liminalität weist sich dadurch aus, dass in ihr die Initianden von keinerlei sozialen, politischen, juridischen, oderähnlichen Markern gekennzeichnet sind: nackt und geschlechtslos sind sie sozial unsichtbar. Über diese schwache Markierung schafft die liminale Phase ein soziopolitisches Vakuum, das keinen, jedenfalls nicht mehr den herkömmlichen, Normen unterworfen ist. Dadurch ermöglicht sie den Initianden neue Kombinationen kulturell bereits vorhandene Elemente experimentell zu erproben oder gar ganz neue Formen des kulturellen Ausdrucks zu finden:


Es ist eine nicht alltägliche Raumzeit purer Potentialität, die Kreativität und Innovation ermöglicht und fördert!


Am deutlichsten finden sich diese Merkmale der liminalen Phase bei religiösen Ritualen – besonders bei den sogenannten Übergangsritualen wie Hochzeit, Pubertätsrituale, Initiation in geschlossene Zirkel undähnlichemehr. (Dazu und nachfolgend Turner 2009)


Das Theater – höchst wahrscheinlich aus Ritualen entstanden, als eine Dramatisierung juristische und ritueller Prozesse – ist eine weitere Form der cultural performance, die ebenfalls eine liminale Phase formiert. Jedoch strebt das Theater, im Gegensatz zu allen anderen cultural performances als Institution, kein Ziel an. Es ist sich ein Selbstzweck, ungeachtet der Intentionen von Drehbuchschreibern und Regisseuren.

(Vom Kunstwerk als anti-systemischer Kraft

Hier können diverse Rollen von den ZuschauerInnen frei ausagiert werden, ohne irreversible zu sein, wie bei Übergangsritualen der Statuswechsel beispielsweise vom Junggesellen zum Ehemann. Darüber hinaus werden in dieser liminalen Situation des Theaters spielerisch neue Formen des Ausdrucks der Kritik, Reflexion und Selbstvergewisserung gefunden.

(Von den Transzendenzen der Kunst

Damit ist das Theater einer der wesentlichsten Einrichtungen einer Gemeinschaft sowohl als Korrektiv privater, öffentlicher und politischer Haltungen und Vorstellungen als auch zur individuellen wie kollektiven Identitätsbildung.


Wir sind, was wir sind und werden, was wir sein können nur dank des Theaters!!