11. November 2012

Von der Notwendigkeit einer Satyre

Welch wundersame Vorstellung: mit einem Satireprogramm durch Deutschland und die deutschsprachigen Gebiete touren! Könnte es etwas Schöneres geben, als mit geistreichem Humor – gerne auch mal weniger geistreich – aufzuklären? Missstände anprangend, den Zeigefinger hebend, das Auge zwinkernd… und die Welt vor dem Abgrund bewahrend!?!

Doch, mit der Weltrettung ist das ja – wie wir Helden wissen – immer so eine Sache; da wollen nicht immer alle so mit machen. Und man selbst… puhh, das ist auf Dauer selbstredend auch anstrengend.

Außerdem, wer kommt denn schon in die Kabaretthäuser – da lassen sich ja höchstens offene Türen einrennen. Zudem ist das Publikum recht arriviert, lacht sich nur den latenten Frust von der Seele – in der Pause wird das im Halse stecken gebliebene Lachen mit teurer Brause gelöst – und therapeutisch entlastet gehen wir alle wieder folgsam zur Arbeit. Die NiedriglohnarbeiterInnen sieht man selten im Kabarett, weil diese weder die Zeit noch das Geld haben, die überhöhten Eintrittspreise zu bezahlen. Und mal ehrlich: Man ist ja gerne unter sich, nicht wahr?

Tatsächlich erschien und erscheint mir das Kabarett dennoch als lustvoller Gegenentwurf, ja: Traum, zu meinem wissenschaftlichen Treiben. Doch: Allem Anschein nach ist die Satire eine konservative Gattung – und ich als Linker, ich geh doch nicht mit einer Spießerin ins Bett!! Also, nur im übertragenen Sinne – ansonsten natürlich jeder Zeit! Wie gesagt, für die Weltrettung, da tue ich so einiges.

Aber was macht das Konservative der Satire aus? Nun, womöglich liegt es daran, dass die Satire als Bezugsrahmen für ihren Spott und Hohn und ihre Kritik, die Werte und Normen des normativen Kosmos der konventionellen Sozialstruktur hat. Somit wirkt die Satire als Spiegelbild und bestätigt auf inverse Art das bestehende System – und macht es durch ihre, den Frust lösende Art auch noch erträglich. (Turner 2009:62, 82)

Hmm…, dann bleibt wohl alles beim Alten. Die Welt bleibt ungerettet – nach Pollesch ist sie (bzw. die Menschen) ja schon gut genug! Ich träume weiter von einem biographischen Gegenentwurf. Einige Privilegierte entlasten sich lachend – ich mitten drin! – und die NiedriglohnarbeiterInnen gehen weiter zur Arbeit – die brauchen keine Satire, damit ihnen das Lachen im Halse stecken bleibt.

Naja, Welt nicht gerettet, so doch wenigstens bestätigt! Für einen Sonntag ist das auch schon einmal was. Oder findet sich doch eine Möglichkeit das Konservative der Satire abzustreifen?

Vielleicht den Satyrn zum Sinnbild nehmend? Dieses groteske Wesen – Glatze, PferdeOhren, TierExtremitäten, RiesenPenis –, das als Anhänger des Dionysos’ in den Mythen und im Satyrspiel durch seine extrem übersteigerte Darstellung symbolisch kodifiziert den Gegenpol zu den Werten der Polisbürger verkörpert.

So kann womöglich aus einer spiegelbildlichen Bestätigung des normativen Bezugrahmens ein Zerrspiegel werden, der die Form bricht und den Rahmen S P R E N G T!

Eine Gattung, die Uns aus den Übereinkünften des Alltäglichen mit übermenschlicher WUCHT  herausreißt und zu neuen Gedankenspielen zwingt, weil alles kopfsteht. Und die durch den Bruch notwendiger Weise auftretende emotionale Färbung verstärkt dieses Erlebnis und bekräftigt die neu gewonnen Vorstellungen – eine wahrlich bizarre Satyre!

2 Kommentare:

  1. Leider ist damit natürlich noch nicht das Problem der Erreichbarkeit einer verbreiterten Öffentlichkeit gelöst...

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  2. "Die Machtinstrumente der Herrschenden sind Langeweile und Unverständlichkeit. Daher muss das Machtinstrument der Beherrschten radikales Denken sein. Satire ist eine Form davon!" (Till Reiners)

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