1. Oktober 2009

Von der Angst vor dem Nichts

"Die Bildung zu[r Humanität] ist ein Werk, das unablässig fortgesetzt werden muß, oder wir sinken, höhere und niedere Stände, zur rohen Tierheit, zur Brutalität zurück." (J.G. Herder)

Der Mensch als Seiendes hat existentielle Angst vor dem Nichts, vor dem ontologischen Nicht-Sein der Existenz. Aber auch vor einem intellektuellen Nichts des Wissens, also der Unerklärbarkeit von Seiendem. Gefasst ist diese Angst in dem dramatischen Begriff des „Horror vacui“ – der Abscheu vor dem Leeren:

In der frühen Anschauung der Natur zeigte sich diese Abscheu darin, dass die unsere Erde umgebenden Leuchtkörper auf Sphären festgemacht gedacht wurde – eben Firmament: Befestigungsmittel –, weil nicht Nichts sein durfte.


In der frühen Erklärung unserer Lebensumwelt zeigte sich das Horror vacui in den vielen Schöpfungsmythen von Welten, Menschen und Göttern, also den Kosmogonien und Theogonien, um die Angst vor dem Unerklärbaren durch Welterklärungserzählungen verständlich zu machen.


In der intellektuellen Spekulation über so genannte Heilige Texte – also der Exegese –, zeigte sich die Angst vor dem Unwissen in einer überbordenden Auslegungswut der Interpreten, die beispielsweise zu wissen vorgaben, wie viele Handbreit Jona vom Schiff weg ins Meer geworfen worden sei und wie der Fisch heiße, der ihn verschluckt habe.


Und noch lange nach der wissenschaftlichen Revolution im 16. Jahrhundert wurde der Raum zwischen den Planeten mit einer Art Äther gefüllt, durch welches sich das Licht ausbreite, weil die Angst des Menschen vor dem Nichts so tief sitzt, dass auch die Wissenschaft Probleme hatte diese zu überwinden.


In der modernen Wissenschaft stellt sich die Frage nach dem Nichts nicht mehr in dieser quälenden existentiellen Form, denn seit den Relativitätstheorien ist klar, dass Materie den Raum und die Zeit als kohärentes 4-dimensionales Kontinuum erst aufspannt. Darüber hinaus ist eben Nichts: kein bloß luftleerer Raum, sondern das radikale und Furcht einflößende Nichts – aber eben erklärbarer!


In meiner persönlichen Vita zeigt sich die Angst vor dem Nichts im steten Bemühen besser zu werden, mich weiter zu entwickeln – eben die Anlagen des Menschseins und des Menschwerdens zu entfalten. Bedauerlicher Weise kippt dieses Bemühen häufig in ein rastloses und obsessives Gehetztsein, mit einer Spur Hysterie, dass ich nur dann ein anerkanntes Mitglied des Clubs „Menschheit“ sein könne, wenn ich den entschwindenden Horizont des Wissbaren doch einhole. Und dieser aufwühlende und nur in die Ferne blickende Zustand lässt mich meine Gegenwart vergessen.


So war es auch, als ich, um meinem Selbstbild als Akademiker zu genügen, gegen Ende des Studiums noch einen Lateinkurs belegen musste: Als ich die Prüfung bestanden hatte, war da kein Augenblick der Erfüllung, kein Moment des Ausgefülltseins zu spüren; nicht für den Bruchteil eines Wimpernschlages… lediglich der Gedanke, dass ich nun noch Altgriechisch und Sanskrit lerne müsse.

Denn dieses brennende und alles verzehrende Vakuum in meiner Brust saugt alles in sich auf und lässt mich unbefriedigt und ängstlich immer weiter hetzen, gönnt mir keine Ruhe – denn es könnte ja sein, dass ich aufwache und nicht mehr Mensch bin.

1. September 2009

Von der Tiefenökologie

Die dramatischen Entdeckungen der Physik des beginnenden 20. Jahrhunderts – das Plancksche Wirkungsquantum, die Doppelnatur des Lichtes, die Heisenbergsche Unschärferelation, die Relativitätstheorien – führten zu einer Umwertung aller Werte, da keine eindeutigen Ergebnisse mehr für ein Problem zu erhalten waren: das Stetige wurde Unstetiges, das Eindeutige wurde Doppeldeutiges, das Bestimmte wurde Unbestimmtes und das Absolute wurde Relatives. (Fischer 2005:163ff)

Die Lösung dieses Dramas lag in einem veränderten Blickwinkel, der vom immer weiteren Zerteilen des Forschungsgegenstandes wieder zurück tritt und mit einer veränderten Begriffsapparatur dem Ganzen eine neue Bedeutung zugestand. Denn zerlegt man ein System in seine Einzelteile, zerstört man die Eigenschaften des Systems, welche die einzelnen Teile erst in ihrem netzwerkartigen Zusammenspiel verwirklichen.


Daraus entwickelte sich über die Dekaden ein Systemdenken in allen Wissenschaftsbereichen – auch wenn es nicht deren Hauptströmungen waren: Systeme sind nicht linear beschreibbare Netzwerke, deren einzelne Teile auf 4-dimensionale Weise miteinander in Verbindung stehen und sich durch Rückkopplungsschleifen (Feedback) selbst regulieren. Diese Selbstregulierung wird bestimmt durch das dem System immanente Organisationsmuster (Software), welches sich in der physischen Struktur (Hardware) des Systems verkörpert – eben im Prozess der Selbstorganisation, der Autopoiese! Während des autopoietischen Prozesses sind alle Untereinheiten des Systems daran beteiligt die Grenzen des Systems zu etablieren, neue Untereinheiten des Systems zu erzeugen, alte Untereinheiten des Systems zu transformieren und damit insgesamt das Organisationsmuster aufrecht zu erhalten. (Capra 1996:181-202)


Nun ist aber auch festzustellen, dass eine Vielzahl von Systemen, also nicht linearen und autopoietischen Netzwerken, nebeneinander und ineinander existiert: „Systems nesting within systems“. Das bedeutet, dass unsere Lebensumwelt ein Ökosystem bildet, in dem sich beispielsweise Gesellschaftssysteme befinden, welche durch Individuen etabliert werden, deren Körper aus beispielsweise dem Immunsystem, Nervensystem, Verdauungssystem etc. bestehen, worin sich wiederum andere Systeme auf mikroskopischer und molekularer Ebene befinden.

Alle diese Netzwerke stehen auf vielfältige und vielschichtige Weise miteinander in Verbindung und sind strukturell an ihre Umwelt gekoppelt. Diese strukturelle Koppelung besteht durch die Interaktion der einzelnen Systeme mit anderen Systemen, durch welche sie Energie oder Informationen austauschen, wodurch wiederum strukturelle Veränderungen ausgelöst werden. Diese Veränderungen werden aber nur ausgelöst und nicht bestimmt: Gesteuert werden die Veränderungen des Systems autonom durch dessen Organisationsmuster, die im Prozess der Autopoiese verwirklicht werden. Denn lebende Systeme sind zwar energetisch nach außen hin offen, jedoch organisatorisch nach innen hin geschlossen. Das heißt, dass Energie oder Information einem System von außen eingegeben werden, diese externen Impulse jedoch autonom im Prozess der Selbstorganisation in Rückkopplungsschleifen verarbeitet werden.


Das sich Bewusstwerden, dass Systeme in Systemen nisten und alle Einheiten eines Systems miteinander zusammenhängen und alle Systeme miteinander strukturell gekoppelt sind, führt zu einer Sichtweise, die tiefenökologisch genannt wird. Aus diesem Bewusstsein heraus lässt sich vielleicht nicht logisch, so doch zumindest psychologisch ein ethisches Verhalten ableiten: Da unser Handeln und Unterlassen Auswirkungen innerhalb unseres Systems und durch die strukturelle Koppelung auch mit anderen Systemen hat, ergibt sich zwangsläufig eine Sensibilität und Weitsichtigkeit für unser Handeln, sowie ein Schutzempfinden für unser Lebensumfeld.

27. August 2009

Von der eigentlichen Metaphysik

Bis noch vor kurzem – wenn ich aus der Retrospektive meinen akademischen Werdegang nachzeichnete – dachte ich, es sei logisch stringent zu erklären, dass ich von der Physik als Leistungskursfach der Oberstufe zur Metaphysik als universitäre Disziplin im Kontext der Religionswissenschaft gekommen sei: Die mir sichtbare Welt könne ich erklären und nun sei folgerichtig die unsichtbare Welt an der Reihe.

Beide Fächer habe ich mit Auszeichnung absolviert, doch erst jetzt ist mir bewusst geworden, dass die Physik
eigentlich gar nicht die sichtbare Welt beschreibt: Sie beschreibt die Muster, Strukturen und Prozesse, die dazu führen, dass eine für uns sichtbare Welt entsteht, die wir überhaupt wahrnehmen können. In diesem Sinne ist die Physik die eigentliche Metaphysik, denn sie beschreibt nämlich das dahinterliegende Programm unserer Welt: Die Physik erklärt „etwas, das wir sehen – zum Beispiel das Fallen eines Apfels –, durch etwas, was wir nicht sehen, also durch die Schwerkraft der Erde." (Fischer 2001:17)

Als ein an der Physik noch immer sehr interessierter Religionswissenschaftler hatte ich oft das Gefühl, dass mich die Physik als Mensch an sich und als integraler Bestandteil meiner Lebensumwelt viel stärker angeht als die Metaphysik: Wie hätte ich etwas über das Göttliche aussagen können, ohne unsere Welt und das Leben in ihr in Gänze begriffen zu haben!?


Glücklicher Weise hat mich die stete und zu weilen auszehrende Beschäftigung mit den Wissenschaften zu etwas geführt, das sogar jenseits allen Göttlichen liegt – zu mir selbst!

Ist das nicht wahre Metaphysik?

19. Juli 2009

Vom freien Willen

Kant definiert den Menschen notwendiger Weise als „frei“, da er ansonsten kein moralisches Wesen sein könne. In vielen Religionen entsteht eine unauflösbare Spannung zwischen der planvollen Vorbestimmung des Weltenverlaufs und des Menschen durch Gott und einem Gericht am Ende der Zeiten, welches über den Menschen und seine Taten befinden soll. Doch warum ein Gericht, wenn dessen Ausgang von Anbeginn her bestimmt ist?

Um uns der Frage nach dem Vorhandensein eines freien Willens zu nähern, scheint es ratsam zunächst die beiden Begriffe zu trennen: Unser „Wille“ bildet sich über ein inneres Wollen, also dem, was man aus sich heraus für notwendig erachtet – zum Vollzug einer Handlung oder zur Formulierung eines Wunschs: Ein aktiv gefasster Entschluss! Frei zu sein heißt, keinen äußeren oder inneren Zwängen oder Einschränkungen zu unterliegen. Alles was uns in unserer Meinungsbildung und -äußerung und unserem Handlungsspielraum einschränkt, macht uns unfrei – nimmt uns die Freiheit.


Ein freier Wille ist dann ein aktiv und bewusst gefasster Entschluss, der unser Wollen zum Ausdruck bringt, ohne von außen oder innen beeinflusst worden zu sein! …in diesem absoluten Sinn muss ich sagen, dass es diesen freien Willen nicht gibt.


Denn „dem bewussten Formulieren eines Wunsches, geht immer ein unbewusster Prozess voraus.“ (Roth im Spiegel 52/04) „Wir tun also nicht was wir wollen, sondern wir wollen was wir tun.“ (Urban 2007:26)

Unser Gehirn konfabuliert aus evolutionären Gründen Kongruenz zwischen unserem Unbewussten, unserer Erwartungshaltung und unserer Entscheidung: Der Mensch empfindet sich als frei, weil er seine Determinanten nicht wahrnimmt. Dabei ist der Mensch auf sehr vielfältige Weise determiniert: Durch seine Kultur, die ihm vorgibt welche Sprache er verwendet und welche Symbole er wie zu deuten hat. Durch seine Rollen, die er in der Familie, unter Freunden und in der Gesellschaft einnimmt, die sich durch ununterbrochene Kommunikationsprozesse permanent aktualisieren und somit selbstbegrenzen, erzeugen und erhalten.

Der Mensch als Individuum und als Teil einer sozialen Gemeinschaft befindet sich in einem selbstorganisierenden Netzwerk, das mit seiner Umwelt auf vielfältige Weise strukturell gekoppelt ist: Lebende Systeme sind für Energie und Informationen nach außen hin offen, doch für deren Verarbeitung nach innen geschlossen. Das heißt, dass der Mensch Informationen von außen empfängt, sie jedoch systemisch selbstregulierend als Individuum neuronal und als Teil einer Gruppe sozial organisiert. Durch diese strukturelle Koppelung an seine Umwelt einerseits und die Selbstorganisation andererseits, ist das Verhalten des Menschen sowohl determiniert als auch frei. (Capra 1996:249f)


Letzten Endes, auch wenn der Mensch durch seine Vita und seine Umwelt determiniert ist, ist es doch des Menschen eigenes – wenn auch hauptsächlich unbewusstes – Wollen, das durch die Eigenschaft der Nichtlinearität von Netzwerken nicht vorhersagbar ist.

14. Juli 2009

Vom entschwindenden Horizont

Ein Maß der Zeit ist die Emergenz von Komplexität und „das Universum unterliegt einem dynamischen Prinzip, nachdem es sich so entwickelt, daß es seine Komplexität maximiert.“ (Eisenhardt 2006:315)

Es ist nur ein vages Gefühl, doch die Suche der Wissenschaft ins Subatomare einerseits und ins Multidimensionale andererseits, findet immer komplexere Eigenschaften unserer Lebenswelt – oder erfindet sie sie gar erst, wie der Physiker die Eigenschaften der subatomaren Teilchen bei seiner Beobachtung beeinflusst?
 
(Chown 2005:58ff)

Es ist wie die Reise in immer kleinere Teilbereiche der Mandelbrotmenge, einer fraktalen, nicht vorhersagbaren, immer neuen und unendlich faszinierenden Geometrie…


Deckt die Wissenschaft also diese seit Anbeginn der Zeiten bestehenden, bei genauerem Hinsehen immer komplexer werdenen Eigenschaften lediglich auf, oder ist das Treiben der Wissenschaft und des Menschen im Allgemeinen sogar kreativer Teil dieser Verkomplexifizierung unserer Lebenswelt? Mitbestimmen wir also durch unser kreatives Treiben den Zeitfluss und war somit die Welt früher in der Tat „einfacher“? Hechelt der Mensch in seinem Erklärungsenthusiasmus der Aufdeckung von Komplexität, dieser selbst verursachten Verkomplexifizierung, auf ewig hinterher?


Zeit und Wissen scheinen wie ein entschwindender Horizont zu sein, der sich exponentiell, mit jeder Antwort neue Fragen aufwerfend, von uns entfernt und uns freudig bedrückt hinter sich lässt.

Die Prominenz des Unwissens und der vergehenden Zeit, ist – wenn sie nicht so erdrückend wären – beinahe ebenso faszinierend wie das Wissen und eine glücklich verlebte Stunde selbst.

28. Juni 2009

Vom Buddha-Puja in Swayambunath, Nepal


Seit geraumer Zeit bin ich in der drückenden Monsunhitze unterwegs und mein Ziel tritt immer deutlicher aus dem Dunstkreis der Ferne, hoch und erhaben auf einem Berg thronend: Swayambunath, der „Herr, der aus sich selbst entsteht“. Eines der ältesten Heiligtümer des Kathmandu-Tals. Dort wird er verehrt, der Ur-Buddha: Adibuddha.
Am Fuß des Berges prunkt ein freistehendes, bunt verziertes Ehrenportal. Dahinter strebt die Pilgertreppe steil aufwärts, gesäumt von den fünf transzendenten Buddhas und ihren Reittieren. Immer steiler führt die Treppe aufwärts und die Stufen werden höher und unregelmäßiger. Langsam erscheint die goldene Spitze der Stupa, flankiert von zwei Shikhara-Tempeln. Schritt für Schritt, Stufe für Stufe, gibt das Heiligtum mehr von sich Preis.
Auf der Stupa: die Augen des Buddhas, die über dem Tal wachen. Von dort: ein atemberaubender Ausblick in den von Gebirgsketten umrahmten Kessel. Schwere, bedrohliche Wolken drücken auf das Tal, mit Häusern aus roten Lehmziegeln im tiefen Grün der fruchtbaren Flora.
Aber es ist spät; kein Verharren in der friedvollen Stille! Das Buddha-Puja beginnt in wenigen Minuten. So wende ich mich nach Norden und betrete den Vorraum des Gompa. Es empfängt mich eine wuchtige Buddha Shakyamuni-Statue, umlagert von etlichen kleineren Abbildungen, welche die Inkarnation des Harmabah darstellen.
Den Gebetsraum, lang und schmal, dessen Eingang an der kürzeren Seite dem bunt und gold verzierten Altar gegenüber liegt, betrete ich ohne Schuhe und nehme an der Fensterseite auf dem Boden Platz. Der Länge nach stehen sich zwei flache Tische gegenüber, an denen die Mönche später sitzen werden.
Beim Einzug knien die Gläubigen im traditionellen Mönchsgewand nieder, stehen auf, falten die Hände zum Gruß und führen sie vor den Kopf, den Hals und das Herz; dies mit dem Wunsch nach richtigem Denken, Sprechen und Fühlen.
Die Mönche nehmen Platz, die Alten sitzen höher. Den meisten sind Instrumente zugeordnet. Schweigen. Dann beginnt die Rezitation der Mantras, angeleitet durch den Taktgeber mit seinen Schellen.
Das Gemurmel der Rezitation, die Trommeln, Trompeten und Flöten wechseln sich ab. Verschiedene Abläufe lassen sich erkennen. Auch Essen wird verteilt und Symbole durch den Raum getragen, die allem Anschein nach die diversen Buddhas symbolisieren, die in den verschiedenen Teilen der Rezitation auftauchen und so sichtbar gemacht werden.
Langsam beginne ich mir selbst Vorwürfe zu machen, alles hektisch aufschreiben und analysieren zu wollen. Ich lege Stift und Papier bei Seite und versuche mich dem Geschehen zu öffnen und treiben zu lassen…
Mehr und mehr komme ich zur Ruhe und versuche mich in einen Versenkungszustand zu versetzen, wie ich es vor Ort zu erlernen verlangte. Die mystische Atmosphäre aus Stimmen und Klängen tut das ihrige.
Die Mantras, auch wenn ich sie nicht verstehe, ein Werkzeug zur Befreiung des Geistes und Fokussierung, sollen ihren Weg ins Herz finden und nicht im Ohr verhallen. Es scheint mir, als würde die Postmoderne bloß noch in mir Raum einnehmen und das auch nur noch durch einen Schleier. Sie findet ihrer Grenzen an meiner äußeren Hülle. Alles um mich herum wirkt wie eine Zeitreise in die mythologische Vergangenheit dieser Welt, als alles gerade erst Form angenommen hat. Dorthin will ich mitgehen…
Weisheit und Mitleid sind die Eigenschaften der Boddhisattvas. Die eigenen Bedürfnisse treten in den Hintergrund. Das gesamte Leben als Bittgebet für seine Mitmenschen.
Ich bin sehr ergriffen und zutiefst gerührt. Mit Hochachtung und Bewunderung trete ich meinen Ruckweg an. Einen Weg aus der Vergangenheit in die Gegenwart, mit leichtem Bedauern über den armseligen Zustand dieser vergehenden Welt.

Vom Frauenfestival in Pashupatinath, Nepal



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Frauen aus allen Teilen des Landes strömen in Scharen nach Pashupatinath, dem ehrwürdigsten Shiva-Heiligtum Nepals. Heute ist der 21. August 2001: Tij – Frauenfestival. Pashupatinath, die Schutzgottheit Nepals: „Meister und Herr aller Tiere“. Dorthin, zu einem Wallfahrtsort des gesamten indischen Subkontinents, zieht es sie: ein nicht enden wollender Strom rotgekleideter Frauen – kilometerlang – soweit das Auge zu blicken vermag. Die Farben sind intensiv und einprägsam: Der Kontrast des satten Rot der Saris im kräftigen Grün der umgebenden Vegetation und der moosbehangenen Tempel. Alle sind sie gekommen, um im goldgedeckten Pagodentempel vor das Angesicht Shivas und Parvatis zu treten. Aus ihren Gesichtern spricht angespannte religiöse Erwartung; Hoffnung auf den bevorstehenden Akt göttlicher Audienz, oder besser: Visualität! Langsam, Schritt für Schritt bloß, geht es voran. Kaum merklich. Aber doch. Der Himmel ist wieder azurblau und die Sonne brennt auf die Häupter der Pilgerinnen hernieder. Jede Bewegung und selbst das Verharren ist eine Qual in der schwülen Hitze der ausgehenden Regenzeit. Strapazen sind es – endlose –, welche die fastende Pilgerschar über sich ergehen lässt. Vereinzelt Zusammenbrüche... ausruhen – einreihen – nicht aufgeben. Irgendwann... Dort! Der Korridor aus Bambusstreben, der die Gläubigen geordnet zum Heiligtum führen soll. Die Anspannung steigt; nur noch wenige hundert Meter. Später... die Dauer eines Menschenlebens: Der befriedende Blick auf die Bagmati, den heiligen Fluss. Das Ausbrechen aus dem Geburtenkreislauf, versprochen durch ein Bad an dieser Stelle... eine Hauch Erlösung; doch weiter. Entlang der Bagmati – endlich – fällt der Blick auf das ersehnte Ziel. Die Qualen treten in den Hintergrund. Das Ende der Reise; beinahe. Nur noch wenige Stufen hinauf in den Vorhof: Jeder Schritt eine Unendlichkeit: eine Stufe..., noch eine..., die nächste... Nicht mehr die Pilgerin drängt vorwärts, sondern Shiva selbst, der Angelpunkt dieser Reise, zieht sie zu sich… magisch! Wenige Meter bloß. Ist es wirklich wahr? Der Blick: er hofft, wünscht, fokussiert... Das Betreten des Tempels. Verwirrende Dunkelheit. Besinnung... DARSHAN!!! Der heilbringende Blick des Göttlichen. Erlösung! Entlohnung…Weitergehen, fallenlassen, freuen, tanzen, spielen... Unendliche Freude!!!

27. Juni 2009

Vom Zufall

Durch kreative Denkleistung hat der Mensch den Begriff „Zufall“ nicht lediglich durch Beobachtung des Weltgeschehens gefunden, sondern kreiert. …wird aber mit dieser Begriffsschöpfung nicht auch zwangsläufig seine Existenz, die des Zufalls, in der subjektiven Wahrnehmung des menschlichen Daseins konkrete Wirklichkeit?
Diese Begriffsbildung ist ein Versuch das Unfassbare greifbar, das Unverständliche erklärbar zu machen: das absolut komplexe Gewebe unseres Seins und Daseins, ein nicht vorstellbares Gefüge aus Ursache und Wirkung - die vollkommene Kausalität.
Dies ist einem dem menschlichen Verstand niemals völlig erschließbares System kosmischen Zusammenspiels. Alles ist mit einander verbunden, ineinander verwoben und steht mit allem in Wechselwirkung: das Weltkonzept eines Feldes, das dort Form annimmt, wo es sich verdichtet und dann wieder feinstofflich wird und vergeht, wo es sich entspinnt. Alles ist im Fließen begriffen und bedingt sich unaufhörlich gegenseitig - und selbst.
Wie sollte dem Menschen diese übermenschliche Denkfähigkeit eigen sein, das letztendgültig Komplexe erschließen zu können und warum? Würde er dadurch nicht lebensunfähig werden? Deshalb stilisiert er diese unüberschaubaren Vorgänge auf ein ihm verständliches Maß und wird selbst Schöpfer eines mikrokosmischen Teils seiner Existenz und der Welt überhaupt. Er hat somit Anteil an seinem Schicksal, was ihm ein gewisses Maß an Kontrolle und Ruhe vermittelt und worin er Sinn erkennen kann. …und ist das nicht das wichtigste für den Mensch, der Sinn?
Genauso verhält es sich mit Gott, oder besser dem, was wir irgendwann angefangen haben Gott zu nennen. Furcht und Entsetzen geht vom Unverständlichen aus. Daher erfinden wir Namen für Phänomene und Teilbereiche unseres Lebens, um uns die Angst vor dem Unbekannten und Unerklärlichen zu nehmen. Mit dem Begriff glauben wir den umfassenden Vorgang begreifbar gemacht zu haben: Gott ist so und so; Gottes Wille ist dies und jenes. …und ist nicht das, was wir Gott nennen, somit genau das Oben beschriebene Phänomen der absoluten Kausalität? ...der Kosmos als sich selbstorganisierendes System mit geistigem Charakter?
Einmal nennen wir es Zufall, ein anderes Mal den Wille Gottes. Beide Aspekte vereinfachen das menschliche Dasein und sind Sinn gebend; lassen die Existenz gehaltvoll erscheinen und machen sie erklärbar. Deshalb ist es wohl eine enorme Leistung, die unser kognitiver Verstand vollzieht, um uns am Leben zu erhalten.
Die Bereiche des Unerklärbaren sind in unserer heutigen Zeit in entlegene Wickel spezifischer Wissenschaften zurückgedrängt worden. Es gibt immer weniger, was wir fürchten, je mehr wir uns einbilden über die Welt und unser Sein über das Instrument der Erklärbarkeit unter Kontrolle zu haben.
Dennoch, aber vielleicht gerade auf Grund der komplex-modernen und in Teilsysteme differenzierten Gesellschaft, bleibt uns die endgültige Einsicht in die Absolutheit der kausalen Zusammenhänge verwährt. So wird es weiterhin die Begrifflichkeiten wie Gott, Zufall, Schicksal im Denken des Menschen geben und bildet einen großen Bestandteil seiner Realität.
In dieser Hinsicht zeigt sich ein Wesenszug des Menschen, sei er prähistorisch, antik oder postmodern: sein Leben in einer spezifischen Umwelt verstehen und ihm Sinn geben zu wollen. Doch die Akzeptanz eines vollkommen kausalen Gefüges scheint nicht auszureichen, um sich eine neue Sichtweise der Welt anzueignen. Vielleicht weil es unbefriedigend ist?

Von der Vorbestimmung


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Schicksal, welch trügerisches Wort. Der mildere Bruder der Walküre Prädestination. Schicksal, so wie sich alles „schicken“ – fügen – muss! Das So-sein-müssen entsteht nicht durch den übergroßen Steuermann, den unbewegten Beweger, nein! Das So-sein-müssen, das sich notwendiger Weise Fügende, entsteht anders:
Alls, wirklich alles was existiert, hängt miteinander zusammen, steht miteinander in Wechselwirkung – ein universales Gewebe kosmischer Ordnung in nicht zu durchschauender Fülle und Dichte. Wenn wir hier an einem Faden ziehen, dann fällt dort, wo ganz anders, eine Masche. Bloß weil wir dieses komplexe System der Kausalität nicht begreifen, nicht begreifen können – es unfassbar ist, in seiner wörtlichen Bedeutung –, geben wir unbegreiflichen Situationen Namen: Unglück, Glück, Zufall, Gottes Wille, Vorsehung oder eben Schicksal. Indem wir Begrifflichkeiten bilden, reduzieren wir nicht nur das Komplexe auf ein verständliches Maß, mit dem man denken und sich mitteilen kann, sondern wir sind zugleich Schöpfer und Erhalter dieser Begriffe – Interpreten der Wirklichkeit – und somit der Ereignisse selbst, wodurch sie zu einem Teil unserer eigenen Realität werden.
Der Name ist die Kraft, die einem Gegenstand innewohnt. Wir schaffen dieser Begrifflichkeit ihren Raum – ihre Daseinsberechtigung. Somit existieren all diese Begriff und die damit beschriebenen Ereignisse bloß, weil wir es so wollen! Doch beschreiben sie nicht alle bloß das eine Phänomen? Ist es nicht nur die Einzigartigkeit des Individuums, welches durch seine einmalige Veranlagung und Vita einmal hier Glück und ein anderes Mal dort Schicksal erkennt? Weil es differenziert, abstrahiert und stilisiert; dieses kausal-komplexe System – das kosmische Gewebe!
Ist es denn im Grunde genommen nicht viel mehr so, dass wir sowohl durch unser Tun als auch durch unser Unterlassen uns selbst (prä-)destinieren: Da alles miteinander in Wechselbeziehung steht, haben unser Tun und Nicht-Tun Konsequenzen für das gesamte System "Kosmos". Dabei ist die Frage interessanter, ob wir all das, was kosmische Konsequenzen hervorbringt, aus freien Stücken tun…

26. Juni 2009

Von der verlorenen Unschuld

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Ich stehe in der Wetterau auf einem der erhabensten Punkte zwischen den Mittelgebirgen – zwischen Feldberg und Taufstein... Der Himmel ist hellblau, die Luft klar; die Temperatur wirkt mild im frühherbstlichen Sonnenuntergang auf meinem jungen, zerfurchten Gesicht.
Ich erliege einem bedrückenden Gefühl der Erschaffenheit, der Kreatürlichkeit – meiner Begrenztheit, meiner fundamentalen Endlichkeit und Nichtigkeit! Kaum die Spanne eines Lebens überblickend, war ich nicht anwesend als vor Millionen von Jahren die Erdkruste dem Druck des Magmas nicht mehr standhalten konnte und Gebirge mit gewaltigen Explosionen und Feuersbrünsten auftürmte – nein! schuf, denn auftürmen (einen Turm errichten) ist eine vergänglich menschliche Tätigkeit! Doch ist es der Mensch in seiner Hybris, der sich ach so wichtig nimmt...
Mich hält dieses Gefühle des „Geschaffenseins“ weiter in Atem: Die Vorstellung der Unendlichkeit – der unendlichen Weiten des Raumes, der Zeit und des Wissbaren – gepaart mit meiner Kleinheit, die ich, wenn ich nicht reflektiere, als Großheit wahrnehme. Und eben diese Großheit meines Selbst tritt nun doch stärker in den Vordergrund: Die Gefühle wechseln sich nicht ab und bilden auch keine verschiedenen Ebenen, sondern es wird eine genuine Melange aus Klein- und Großheit – coincidentia oppositorum! Denn in meiner Begrenztheit weiß ich eben doch, dass ich auch bloß begrenzt nichtig bin – eben doch kein Nichts! So arbeitet sich auch in mir die Hybris ihren Weg an die Oberfläche meines Bewusstseins und formt eine stolze Empfindung ob der Kulturleistungen des Menschen: Domestizieren von Tieren, Bepflanzen von Feldern, Bearbeiten von Metallen, Erfinden von Schrift… und schon ist es geschehen und eine weitere Gemütsregung wird stark und stärker – die Trauer! Die Trauer, die in Wut übergeht, über die Ignoranz des Menschen ob seiner eigenen Kulturleistungen!
Ich bleibe allein zurück! Nur mit mir - dem Tier, vor dem ich mich am meisten fürchte - und mit einer vielgestaltigen Erregtheit und einem Bedauern über mich selbst, dass ich meine Unschuld verloren habe! Die Unschuld eines Uneingeweihten, der die Welt nicht nur noch erklärend wahrnehmen kann... Die Unschuld blind lieben zu können, als sei es das einzige, erste und letzte Mal... Und doch bin ich zuversichtlich. Denn in meiner intellektualisierten Wahrnehmung empfinde ich - und ich weiß, was ich empfinde. Jedenfalls mache ich es mir vor zu wissen!